Kirche muss da sein, wo die Menschen sind – das ist so etwas wie das erste Gebot unter Protestanten geworden, ein Mantra gegen die vielen Kirchenaustritte. Und weil sich die Menschen vermehrt in diesem Internet tummeln, steigt im Jahr 30 nach der Erfindung des World Wide Web der Druck auf die Kirchen, dort präsent zu sein. Aber wie denn bloß?

Die vorläufige Antwort der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): Jana Highholder, 20 Jahre alt, Medizinstudentin in Münster und Poetry-Slammerin. Sie ist seit einem Jahr das Gesicht und die Person von Jana glaubt, dem YouTube-Format der EKD mit Begleiterscheinung in den sozialen Netzwerken Instagram und Facebook. Jana als Influencerin Gottes?

Zumindest ist das die Hoffnung der EKD. Das Format ist der Versuch, die Jüngeren zu erreichen. Dafür hat sich die Kirche von Mediakraft Networks beraten lassen, die einst YouTube-Stars wie LeFloid, Unge oder den Lochis zu mehr Reichweite verhelfen konnten, inzwischen – nachdem die Stars alle abgezogen sind – zumeist beratend auftreten.

Jana macht, was ihre großen Vorbilder bei YouTube halt so vorleben: Sie strahlt in die Kamera und ist begeistert, in ihrem Fall natürlich nicht vom neuesten Lippenstift, sondern von Gott. Sie redet mit den Füllwörtern ihrer Generation, sagt ständig "definitiv" und "einfach". Mal sitzt sie dabei in einem kleinen Studio und spricht mit Gästen über Gott, meistens jedoch nimmt sie ihre Zuschauer mit in ihren Alltag, immer mit dem Gewackel und der typischen Fischaugenoptik einer Action-Kamera; manchmal auch frühmorgens, verschlafen im Schlabberpulli. Ganz authentisch.

Der Erfolg bei der eigentlichen Zielgruppe im Alter zwischen 14 und 29 Jahren ist nach einem Jahr überschaubar. Ihr Vorstellungsvideo erreicht zwar über 50.000 Zuschauer, doch die meisten anderen werden eher zwischen 3000- und 5000-mal aufgerufen. Dabei verspricht die gebuchte Agentur Mediakraft auf ihrer Website "einzigartige Expertise in den Bereichen Kreation und Optimierung von Online-Video- und Social-Media-Angeboten".

Ob das Projekt nach einem Jahr in die Verlängerung geht, dürfte sich jedoch weniger an finanziellen, sondern eher an theologischen Anfragen entscheiden. "Glaube ist nicht Teil meines Lebens, sondern das Fundament", sagt Jana in einem ihrer ersten Videos. Und so unbedarft hier der Fundamentalismus anklingt, der Jana aufgrund ihrer freikirchlichen Prägung anhaftet, so unbedarft behandelt sie auch die großen Themen. Das lässt ihre Videos ungezwungen wirken, ja, so ganz anders auch als ein "Wort zum Sonntag", so ganz anders, als man es von der Kirche gewohnt ist.

Janas Videos kommen gut an bei den Verantwortlichen. Zuverlässig klicken EKD-Ratsmitglieder bei ihren Videos auf "Gefällt mir". Gerade unter Theologen sind die Filme der 20-Jährigen aber durchaus umstritten. Sie diskutieren Fragen wie diese: Ist es klug, dass ausgerechnet jemand ohne theologische Grundausbildung in offizieller EKD-Mission unterwegs ist? Zumal jeder, der regelmäßig in einem Gottesdienst aus der Bibel vorlesen will, theologisches Grundwissen unter Beweis stellen muss. Und: Ist Jana mit ihrem konservativen Glauben überhaupt die richtige Botschafterin, um die YouTube-Generation für die Kirche zu interessieren? Vier Christ&Welt-Autoren analysieren den evangelischen Influencer-Kanal. (Hannes Leitlein, stellvertretender Redaktionsleiter von Christ&Welt)

Wen begeistert dieses Frauenbild?

Von Merle Schmalenbach, stellvertretende Redaktionsleiterin von Christ&Welt

Die evangelische Kirche will ihr Image verbessern – und stützt sich auf eine junge Frau mit antiquiertem Frauenbild. Jana Highholder sagt in ihrem YouTube-Kanal Sätze wie: "Das mag eine konservative Haltung sein, und dennoch wünsche ich mir einen Mann, der Entscheidungen nach außen trägt." Sie wolle einen Mann, "der eine führende Position hat im Sinne von: Hey, ich führe dich näher hin zum Kreuz." Sie könne sich einem Mann unterstellen – wenn er sie liebe wie Christus die Gemeinde.

Sollte sich eine moderne Kirche so inszenieren? Natürlich nicht. Denn: Die evangelische Kirche hat auch ohne Jana Highholder schon ein Frauenproblem. Frauen sind in kirchlichen Führungspositionen bis heute in der Minderheit. Bis auf Margot Käßmann waren bislang alle EKD-Ratsvorsitzenden Männer. Als 1958 die erste Frau in Deutschland ordiniert wurde, verpflichtete man sie zum Zölibat. Die schaumburg-lippische Landeskirche führte erst 1991 als letzte deutsche Landeskirche die Frauenordination ein. Wenn Highholder also von der Unterordnung der Frau spricht, dann sind ihre Positionen nicht originell, sondern bauen auf eine unangenehme Tradition auf.

Die 20-Jährige will junge Menschen erreichen, spiegelt aber nicht deren Lebenswirklichkeit wider. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2016 wollen junge Frauen von 18 bis 40 Jahren vor allem Lohngerechtigkeit, eine Gleichstellung im Beruf und die Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Und auch immer mehr Männer sprechen sich für Gleichstellung aus, wie eine Studie des Bundesfamilienministeriums von 2017 zeigt. Wer als junger Mensch die Unterordnung der Frau gutheißt, befindet sich in der Minderheit – in einem Paralleluniversum. Natürlich ist es Highholders Recht, ihre Überzeugungen zu teilen. Und natürlich schafft sie mit solchen Positionen Reibung, sie langweilt nicht. Aber reicht das als Ziel für ein Projekt der evangelischen Kirche? Nein. Die Kirche will hier modern und cool sein, in die Gesellschaft hineinreichen und junge Menschen gewinnen. Das schafft sie aber nicht, wenn ihr Aushängeschild ein abschreckendes Frauenbild verbreitet.