Die "tot geglaubte Geißel" des Antisemitismus sei in Österreich immer noch ein Problem, klagte ÖVP-Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka bei der Vorstellung der vom Parlament in Auftrag gegebenen Antisemitismusstudie. Warum diese Geißel tot geglaubt gewesen sein soll, lässt allerdings wundern. Tot geglaubt – wirklich? Tot geglaubt nach der Liederbuchaffäre, nach diversen blauen Einzelfällen, die mit verlässlicher Regelmäßigkeit ans Licht drängen? Nach der Karikatur mit antisemitischen Bezügen auf der Facebook-Seite des Vizekanzlers, die erst vor dem Staatsbesuch in Israel 2018 entfernt wurde, nicht aber all die sechs Jahre zuvor, auch nicht nach heftiger Kritik? Nach der Anti-Soros-Kampagne des FPÖ-Klubobmanns Johann Gudenus? Nach dem mehr oder minder folgenlosen Skandal der ÖVP-nahen ÖH-Fraktion Aktionsgemeinschaft, die im Internet empörende Witze über Anne Frank verbreitete, die vermutlich nicht ganz im Sinne einer christlich-sozialen Partei waren?

In Anbetracht all dessen: Antisemitismus ist vermutlich so tot wie ein gut erhaltener Wiedergänger. Man erkannte also den Handlungsbedarf und gab eine Studie in Auftrag. Die neue Studie verspricht Besserung und entwickelt dennoch einen bitteren Beigeschmack. Es ergeben sich einige gute und schlechte Nachrichten. Man will rassistischen, religiösen oder israelbezogenen Antisemitismus erkennen und entschlüsseln. So weit, so herausfordernd.

Der Antisemitismus der Österreicher scheint demnach im Sinken begriffen zu sein. Jedenfalls verglichen mit den Achtzigerjahren. So ist ein weitaus geringerer Prozentsatz der österreichischen Bevölkerung davon überzeugt, einen Juden sofort nach dem Kennenlernen erkennen zu können. Die Aussage "Von einem Juden kann man nicht erwarten, dass er anständig ist" wurde mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Bereits deutlich schwächer fällt aber die Ablehnung bei der Behauptung "Wenn es den Staat Israel nicht mehr gibt, dann herrscht Frieden im Nahen Osten" aus. Das Statement "Wegen der Verfolgung der Juden während des Zweiten Weltkrieges haben wir heute eine moralische Verpflichtung, den Juden in Österreich beizustehen" findet hingegen eine massiv gestiegene Zustimmung. Allerdings ist dabei ausschlaggebend, wie es um den Bildungsstand und die Lebensumstände der Befragten bestellt ist.

40 Prozent der Bevölkerung sind zumindest latent antisemitisch

"Juden haben nach wie vor den Tod Jesu zu verantworten" unterstützen hingegen erschreckende 14 Prozent der Befragten. Es stößt vor den Kopf, angesichts dieser Werte nichts Konkretes zu dem Antisemitismus in der christlichen Bevölkerung zu sagen und sich stattdessen mit Hingabe auf die Migranten zu konzentrieren. Zehn Prozent der Bevölkerung ist laut Studie antisemitisch, 30 Prozent latent antisemitisch. Das ist in Anbetracht der jahrelangen Bemühungen um Information und Gegenmaßnahmen immer noch niederschmetternd. Auch das Alter spielt eine erhebliche Rolle.

Unter der Gruppe der in die Studie neu aufgenommenen Türkisch- und Arabischsprachigen scheint der Antisemitismus weitaus höher als in der anderen Gruppe. Dazu gibt es viele Stimmen aus der jüdischen Community. Diese Befürchtung hat beispielsweise der Künstler Arik Brauer bereits mehrmals festgehalten. Alexia Weiß, Autorin und Journalistin, schreibt hingegen: "Die Zahlen zeigen – auch wenn versucht wird, das in der Auswertung mit der Unterscheidung in manifesten und latenten Antisemitismus kleinzureden – das, was viele Juden und Jüdinnen seit Jahren sagen: Der Antisemitismus war nie weg! Vor allem soziale Medien, aber auch die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft durch die Politik haben ihn wieder sichtbar gemacht."

Auch Bildung schützt nicht davor, antijüdische Vorurteile zu hegen

Stärker ausgeprägt ist laut Eva Zeglovits vom Meinungsforschungsinstitut Ifes, das an der Studie beteiligt war, der Bildungseffekt – mit steigendem Bildungsgrad gehe der Anteil an zustimmenden Antworten zu antisemitischen Stereotypen zurück. Gleichzeitig steige der Anteil an Antisemitismus ablehnenden Antworten: "Es wäre aber voreilig, zu meinen, dass Bildung vor antisemitischen Einstellungen schützt."

Und hier ergibt sich bereits die erste Frage mit unangenehmem Beigeschmack: Während Österreicher recht genau nach Bildungsgrad aufgeschlüsselt werden, geschieht dies bei den befragten kleinen Samples der Türkisch- und Arabischsprachigen nur grob. Die Mehrheit dieser Responder ist jedenfalls nicht höher gebildet. Wenn man davon ausgeht, dass Bildung im besten Falle für mehr Bewusstsein, im Schlechtesten für zumindest mehr Vorsicht und Bedürfnis zum Verbergen seiner Meinung spricht, geht man wohl auch von in Österreich erlangter Bildung aus – und wie erklärt man die antisemitischen Ausfälle innerhalb von Burschenschaften, die ja Studentenverbindungen sind? Wie den Skandal der Aktionsgemeinschaft, in der Witze über die Asche der im KZ ermordeten Anne Frank gemacht wurden – von gebildeten Autochthonen?