Erik Flügge, 32, ist katholisch, Bestsellerautor und politischer Berater. Hier beschreibt er seine Kirche von außen – im Wechsel mit der Pfarrerin Hanna Jacobs. © Ruprecht Stempell

Kein Dogma sagt, dass nur Priester und Bischöfe Kardinal werden können. Es braucht nicht mehr als einen Papst, der mit all seiner Macht entscheidet, das Kirchenrecht zu ändern und den roten Hut jemand anderem aufsetzen zu wollen. Die Forderung, auch Laien und insbesondere Frauen zum Kardinal zu machen, gibt es schon seit Jahren. Aber zum ersten Mal gibt es für den Papst selbst eine machtpolitische Begründung für einen solchen Schritt.

Das ganze System der priesterlichen Macht wankt. Zu tief durchdringt der Missbrauch und dessen Vertuschung den katholischen Klerus, als dass sich diese Wunde ohne gewaltige Änderungen noch heilen ließe. Immer lauter werden die Rufe danach, mit der Tradition des Zölibats zu brechen, immer lauter werden die Rufe, Frauen zu ordinieren, immer eindringlicher der Ruf, Homosexualität als gottgegeben anzuerkennen.

Den Papst drängen diese Rufe in die Ecke. Gibt er ihnen nach, dann riskiert er, dass sich konservative und traditionelle Teile der Kirche von ihm abwenden oder gar von der Kirche abspalten. Noch dazu müsste er mindestens in der Frage des Frauenpriestertums und der Homosexualität mit den Setzungen seiner Vorgänger brechen. So richtig mir eine ebensolche Öffnung langfristig für die Kirche scheint, so sehr bezweifle ich, dass man in Zeiten der akuten Orientierungslosigkeit innerhalb der Kirche erfolgreich radikale Grundpfeiler katholischer Identität erschüttern kann, ohne dass das System zerbricht.

Es braucht also ein großes, aber kontrollierbar begrenztes Zeichen echter, substanzieller Veränderung, die das katholische Glaubensverständnis nicht infrage stellt, aber dennoch für die Zukunft neue Wege eröffnet. Genau dieses Zeichen kann die Berufung einer Frau zum Kardinal sein.

Will der Papst wirklich mit dem brechen, was er selbst schon lange als wucherndes Geschwür aus Macht und Privilegien im Kardinalskollegium bezeichnet, muss er die priesterlichen Seilschaften im Vatikan durchschneiden. Wie könnte das besser gelingen, als genau diejenigen zum Kardinal zu erheben, die seither gar nicht Teil der Seilschaften sein konnten: Laien und unter diesen insbesondere Frauen. So würde tatsächlich eine Struktur zerschlagen, ohne wesentliche andere Traditionen der Kirche aufzugeben.

Das Spannende an diesem Gedanken ist, dass er dem Papst eine tatsächliche Möglichkeit gibt, wieder die Kontrolle über einen außer Kontrolle geratenden Prozess der Kirchenerneuerung zu gewinnen. Das Zeichen einer solchen Erhebung wäre groß genug, um weltweit Staunen und Respekt zu ernten und könnte gleichsam den Druck im brodelnden Kessel der katholischen Kirche senken, sodass wesentliche dogmatische Pfeiler des katholischen Selbstverständnisses nicht länger angegriffen werden.