Hat die 16-jährige Umweltaktivistin Greta Thunberg gesagt, dass man Atomkraft braucht, um das Klima zu schützen? Es gibt Erwachsene, die das hämisch ins Feld führen.

Hat sie nicht. Allerdings hat sie auf den jüngsten Bericht des sogenannten Weltklimarats (IPCC) hingewiesen, der internationalen Beratungsorganisation für Klimafragen. Darin heißt es sinngemäß, dass es immer noch möglich sei, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, und zwar unter drei Voraussetzungen: weltweiter Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2050, technische Abscheidung von Kohlendioxid (CO₂) aus der Atmosphäre, radikale Umstellung des Verkehrs- und Konsumverhaltens. Der IPCC hat 85 unterschiedliche Wege untersucht, das alles zu erreichen. In den meisten Szenarien wird die Kernenergie, die weltweit rund elf Prozent des Stroms liefert, deutlich ausgebaut.

Ist das die Forderung des IPCC? Nein. An den IPCC-Berichten schreiben Physiker und Geografen mit, Ingenieure, Ökonomen, Soziologen und viele andere. Sie versuchen, so gut es eben geht, das Klimawissen zusammenzufassen. Ihre Szenarien sollen eine rational nachvollziehbare Bandbreite möglicher Entwicklungen beschreiben. Mehr nicht. Der IPCC würde nie so weit gehen, einen Satz wie "Ohne Kernkraft kein Klimaschutz" hinzuschreiben.

Stromgewinnung aus Kernenergie erzeugt weitaus weniger CO₂ als fossile Technik, selbst wenn man den Lebenszyklus des Brennstoffs betrachtet. Klimapolitisch sieht sie sogar besser aus als Solarenergie und ähnelt insofern der Wasserkraft und der Windenergie. Länder mit hohem Anteil an Atomstrom wie Schweden oder Frankreich erfüllen vor allem seinetwegen ihre Klimaziele.

Die Deutschen hingegen haben sich für den Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2022 entschieden. Dafür gab es gute Gründe. Kernkraftwerke herkömmlicher Art müssen durch technische Einrichtungen permanent in Schach gehalten werden, damit sie nicht aus dem Ruder laufen. Das ist den Bürgern nicht geheuer, denn sie wissen, dass diese Technik komplex ist und dass sich Nachlässigkeiten, Fehler und Schummeleien addieren können, bis sie versagt. In Fukushima beispielsweise hatte es genügt, dass die Notstromdiesel nicht für große Wasserwellen ausgelegt waren. Zukünftige Kerntechnik wiederum mag zwar aus physikalischen Gründen idiotensicher sein, aber wer weiß schon, was auf dem Weg dorthin alles schiefgehen kann.

Einwenden ließe sich, dass das Gesundheitsrisiko durch Kerntechnik um ein Vielfaches geringer ist als die Gefährdung durch Kohle, Öl und Gas. Es entspricht in etwa dem der Solarzellentechnik, die ihre eigenen Gifte mit sich bringt. In dieser Überlegung ist das Klimagift CO₂ noch nicht einmal berücksichtigt. Wird das Klima in den Risikovergleich einbezogen, so ergibt sich erst recht: Die Kohle ist der Killer Nummer eins.

Deshalb ist es beispielsweise besser so, dass China seinen wachsenden Strombedarf auch mittels Kernenergie deckt. Woraus freilich nicht gefolgert werden kann, dass zum Zwecke des Klimaschutzes weltweit Hunderte oder gar Tausende Kernkraftwerke hochgezogen werden müssten. Das wäre teuer und würde insbesondere viel zu viel politische Anstrengungen kosten, die besser in andere Strategien investiert werden sollten: Energiesparen, Reduzierung des Fleischkonsums, Fortentwicklung der Wind-, Solar- und Wasserkraftwerke, Speichertechniken.

Bestimmte reiche Industrieländer könnten es sich leisten, auf AKWs zu verzichten und trotzdem das Klima zu schützen. Deutschland gehört dazu. Bis zum Jahr 2020 sollte es den CO₂-Ausstoß im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent verringern. Dazu haben die Deutschen sich verpflichtet. Doch es wird nicht gelingen, obwohl in den Neunzigerjahren die Industrie der DDR abgerissen wurde. Klimaschutz und Atomausstieg gehen eben nur dann zusammen, wenn sich auch das Verhalten massiv ändert. Wenn der motorisierte Individualverkehr eingeschränkt, der Wärmeverlust durch bessere Isolierung der Gebäude reduziert und die industrielle Stromnachfrage so gesteuert wird, dass sie auf Situationen reagiert, in denen die Sonne nicht scheint und kein Wind weht. Die ärgsten Lücken ließen sich dann immer noch mit Gaskraftwerken schließen, die weniger CO₂ erzeugen als die Kohleverstromung. Auf diesem Weg ist Deutschland nicht wirklich vorangekommen.