Naomi, 9 Jahre

Ich kann mich überhaupt nicht an eine Zeit erinnern, in der Mama nicht im Internet über unsere Familie geschrieben hat. Ich war nämlich zwei, als sie damit anfing. Wie ihr Blog aussieht, weiß ich aber nicht so genau. Den lese ich jetzt nicht andauernd. Ich würde ihn allein im Netz gar nicht finden, und die Texte sind richtig lang.

Insgesamt finde ich es toll, dass Mama bloggt. Vor allem, weil sie von zu Hause arbeiten kann und immer da ist. Manchmal gebe ich mit ihrem Blog auch ein bisschen in der Schule an. Aber wirklich nur ein ganz kleines bisschen! Einige Lehrer folgen ihr und lesen dann, was sie so über mich schreibt. Das ist nicht immer toll. Letztens wollte ich zum Beispiel meinen Schreibtisch aufräumen, aber stattdessen habe ich ein großes Chaos in meinem Zimmer veranstaltet. Mama hat dann ein Foto von mir gepostet, auf dem ich zwischen ganz viel Papier und Stiften auf dem Fußboden sitze. Dazu hat sie geschrieben, wie doll sie das nervt, wenn ich eine solche Unordnung veranstalte. Lehrer würden so was sonst natürlich nicht von mir hören.

Naomi beim Aufräumen © Anna Luz de León

Mein Bruder ist manchmal genervt, wenn bestimmte Bilder von ihm im Blog sind. Zum Beispiel eins, wo ich ihm einen Kuss gebe. Das finde ich aber total schön. Bei mir in der 4. Klasse haben nicht alle ein Handy, und selbst wenn, haben die nicht alle Instagram. Deswegen können die nicht sehen, was Mama von uns zeigt. Sie postet außerdem so viel, da kann kein Mensch den Überblick behalten. Im Netz nennt sie mich Goldkind, das finde ich merkwürdig, aber lustig. Sie macht das, damit nicht alle wissen, wer ich bin.

Wenn ich groß bin, möchte ich auch Bloggerin werden. Ich habe schon einen Plan: Meine drei besten Freundinnen und ich machen erst eine Weltreise, über die wir von unterwegs berichten. Danach machen wir zusammen ein Café auf und posten Bilder von unserem Essen und den berühmten Gästen. Ich habe jetzt meinen ersten Instagram-Account, der wird von Mama geleitet und ist nur für Freunde. Es gibt schon 20 Abonnenten, die darauf sehen können, wie ich Hip-Hop tanze. Das ist meine Leidenschaft. Vielleicht werde ich doch lieber Tänzerin!

David, 11 Jahre

Was meine Mutter so schreibt, lese ich eigentlich nie. Texte über uns und Gedanken zur Familie interessieren mich nicht so. Sie könnte mal über Fußball schreiben, das wäre toll.

Ansonsten bin ich grad eher genervt von dem Blog und Mamas Instagram-Profil. Ihr folgen jetzt auch viele aus meiner Schule. Auf einem ganz alten Bild hat Naomi mir einen Kuss gegeben. Das fanden die anderen peinlich und haben das überall rumgezeigt. Erst sehen das 15 andere, und in fünf Stunden redet die ganze Schule darüber. Das ist mir dann auch peinlich. Mama löscht aber alles, was ich möchte. Auch alte Bilder, die ich vor ein paar Jahren noch völlig in Ordnung fand. Irgendwie ändert sich das, wenn man älter wird. Ich glaube, wenn ich 30 bin, ist ein Bild aus der Zeit, als ich 7 war, gar nicht so schlimm. Jetzt ist 7 aber noch nicht so lange her, und dann nervt es.

Manche Bilder sind auch jetzt okay. Mama hat so Kooperationen, das ist, wenn Leute auf ihrem Blog Werbung machen. Manchmal verdient sie damit Geld, und manchmal bekommen wir Sachen zum Testen oder geschenkt. Meine große Schwester hat zum Beispiel neue Möbel für ihr Zimmer bekommen und Fotos damit gemacht. Mama achtet darauf, dass wir die Sachen wirklich gut finden. Für mich dürfen solche Fotos nur nicht zu persönlich sein. Mein Gesicht ganz nah aufnehmen finde ich nicht gut. Sie kann aber gerne Fotos posten, auf denen ich Fußball spiele, und über Sport und Kinder schreiben. Ich will nur nicht, dass sie zu viel von mir erzählt. Also nicht: David hat heute seinen Freund getroffen, und die machen jetzt das und das.

Mit meinen Freunden drehe ich auch selbst Videos für das Internet. Entweder zeige ich Kartentricks und filme nur die Hände, oder wir üben Toreschießen.

Ein Shake fürs Foto © Anna Luz de León

Mama macht manchmal Bilder, die nicht komplett stimmen. Bei neuen Rezepten sieht man das Essen zum Beispiel auf ganz tollen Fotos auf einem schönen Teller in der Küche, aber bei uns gibt es das Essen dann aus einer Schüssel. Einmal hat sie Shakes gemacht. Die sahen auf den Fotos richtig toll aus, waren aber viel zu süß, davon wurde mir schlecht. Wir müssen so was aber nie aufessen.