Als Oliver Mark die steile Steinschotterstraße zum rumänischen Männerkloster Sf. Ioan Iacob Corlăţeni hinauffuhr, um für fünf Tage auf knapp 1300 Meter Höhe das Leben der Mönche in Bildern festzuhalten, ahnte er schon, dass diese Tage nicht von dieser Welt sein würden. Um seine Arbeit näher vorzustellen, zeigte der für seine Porträts bekannte Berliner Fotograf den Brüdern Aufnahmen von Angela Merkel und auch einige Hollywoodstars wie Tom Hanks, Cate Blanchett und Anthony Hopkins, die er fotografiert hatte.

"Wer sind diese Leute?", fragten die Mönche. Und meldeten, nachdem sie erfuhren, womit die Porträtierten ihr Brot verdienen, ernstliche Zweifel an, ob die Schauspieler wohl in den Himmel kämen, während sie sich ziemlich überzeugt davon zeigten, dass es ihnen selbst gelingen würde. In dem erst vor 25 Jahren gegründeten Kloster haben sich Aufstiegshoffnungen von jeglichen irdischen Belangen abgekoppelt.

Und dennoch hatte Oliver Mark, als er sich in diese bewaldete Berglandschaft in der Bukowina aufmachte, ein weltliches Ziel. Constantin-Emil Ursu, der umtriebige Generaldirektor des Bukowina-Museums, hatte diese aufregende Reise in eine religiöse Sphäre vermittelt, in der Abenteuer, wenn sie denn mal stattfinden, aus gelegentlichen Epiphanien bestehen.

Zusammen mit Oliver Mark konzipierte Ursu eine Ausstellung, ein ambitioniertes Dreiländerprojekt. Seit 2016 pflegt das Liechtensteinische Landesmuseum in Vaduz mit dem Bukowina-Museum im rumänischen Ort Suceava einen kulturellen Erfahrungsaustausch. Der Bukowiner Museumsleiter sucht Anschluss an Europa, kein leichtes Unterfangen. Denn die uralte, multireligiöse Kulturlandschaft droht als Grenzregion zwischen Mittel-, Südost- und Osteuropa an den Rand gedrängt zu werden. Heute gehört die nördliche Seite zur Ukraine und die südliche zu Rumänien. Hier liegen auch die Moldauklöster, die inzwischen als Weltkulturerbe der Unesco anerkannt sind. Bis zur ukrainischen Grenze sind es 70 bis 80 Kilometer. Wer sich dort mit dem Mobiltelefon einwählen will, landet fast unweigerlich in einem moldawischen Netz. Aber WLAN, Internet, Fernsehen gibt es im Kloster ohnehin nicht. Dass es auch ohne geht, hatte Oliver Mark bereits fünf Tage vorher im Frauenkloster in Moldoviţa erfahren, in dem er in Absprache mit den Kulturbehörden und mit dem Segen des Bischof alles fotografieren, dokumentieren und ansehen durfte, mit Ausnahme des Altarbereichs hinter der Ikonostase in den Kirchen. Das traditionsreiche Kloster Moldoviţa wurde 1532 gegründet, fünf Jahre später erhielt die Anlage ihre berühmte Innen- und Außenmalerei, der sie ihren Unesco-Status verdankt. Ein kleines Museum zeigt religiöse Objekte und Handschriften aus dem 14. bis 16. Jahrhundert. Die Fresken sind eine bebilderte Bibel, die Ikonografie der Heiligen und ihrer Taten ersetzt das predigende Wort.

Mark ist kein Jäger, der Fotos schießt und Bilder zur Strecke bringt. Sein Arbeitsstil ist eher bedächtig, ein vorsichtiges Herantasten, er möchte sich einfinden und einfühlen. Undenkbar, die Nonnen und Mönche zu stören bei ihren täglichen Verrichtungen, die aus arbeiten und beten bestehen. In Kontakt mit Menschen außerhalb des Klosters kommen sie nur, wenn die Gläubigen aus den nahe gelegenen Dörfern an den Wochenenden zum Gottesdienst kommen. Mark schaffte es bei diesem Projekt, Barrieren zu überwinden, ohne Grenzen zu verletzen. "Zweifellos", sagt der Fotograf, "hat dabei geholfen, dass der Bischof hinter uns stand und die Stavrophoren, das sind vom Bischof erwählte Mönche und Nonnen, die ein Brustkreuz tragen dürfen, uns unterstützten."

Gelegentlich kam es auch mal zu kleinen Störungsfeldern, die sich aber schnell wieder auflösten. So berichtet Mark von einer älteren Nonne, die sich darüber beschwerte, dass er eine Kapelle ablichtete. Sie wies ihn zurecht. Als jedoch eine Mitschwester ihr die Lage erklärte, kam ein kleines Mirakel zustande. Der Fotograf hatte schon befürchtet, mit dieser Ordensfrau "nicht mehr warm zu werden". Da bot sie ihm am nächsten Morgen ein Glas Messwein an. "Danach wurden wir die besten Freunde", schwärmt er – sie war die Vorsteherin des Weinkellers.

Das seien, so Oliver Marx, diese kleinen Momente, derentwegen er seinen Beruf so liebt. Wenn er bei all den Persönlichkeiten aus Politik, Sport und Kultur einen Fototermin hat, inszeniert er sein Gegenüber am liebsten in dessen persönlicher Umgebung mit seinen Accessoires, er baut förmlich das Bild. In den beiden Klöstern lässt sich nichts konstruieren, eine solch situative Fotografie erlaubt nicht, mit künstlichem Licht zu arbeiten oder gar Menschen oder Gegenstände zu drapieren. Mark nutzte stets nur das vorhandene Tageslicht, das er geduldig abwartete. Er passte sich dem Rhythmus des Klosterlebens an. Wenn die Mönche von zwei bis sechs Uhr morgens beteten, war er zugegen. Der Künstler bekennt sich als Katholik, war zeitlebens neugierig auf spirituelle Welten. Er überlegt lange, bis er sich für das richtige Wort entscheidet, bevor er dann antwortet. So als sei er auch da auf Motivsuche, als betrachte er das Objekt zunächst aus verschiedenen Perspektiven, bevor er auf den Auslöser drückt.