Pablo Picassos Werk "Le rêve" (1932); 139 Mio. Dollar sollte das Werk beim Verkauf 2006 bringen. 99 Mio. Dollar wurden es, weil das Bild eine leichte Beschädigung hatte. © Christies Images/Artothek/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Für Überraschungen ist gesorgt, wenn bei den beliebten "Begutachtertagen" in Museen jedermann den Fachleuten seine Schätze zeigen kann. Man möchte wissen, was genau es ist und ob es was bringt – das Tischchen aus den Fünfzigerjahren, das Zinngeschirr oder das Gemälde vom Dachboden. "Bares für Rares" gibt es freilich nicht, denn die Museumsleute dürfen keine Preisauskünfte geben, nur eine ungefähre Richtung weisen. Kürzlich tauchte im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (GNM) ein Interessent auf, der bei eBay ein Gemälde ersteigert hatte, "ein Schnäppchen", wie er gleich mitteilte. Bei dem Stillleben aus fluffigen Rosen, Tulpen und Nelken vor dunklem Hintergrund könnte es sich um einen Niederländer aus dem 17. Jahrhundert handeln, hoffte er.

Dem Experten des Museums fiel allerdings auf, dass mit der Leinwand etwas nicht stimmen konnte. In der Museumswerkstatt erwies sich das Blumenstillleben als Patchwork-Arbeit eines Fälschers, der gewissermaßen aus mehreren Einzelstücken das Bild vom Strauß selbst gebunden hatte. Die Enttäuschung beim Eigentümer währte nur kurz, denn das Museum kaufte ihm die Arbeit ab – als Beispiel dafür, wie gute Forschung arbeitet, wie der GNM-Generaldirektor Ulrich Großmann berichtet.

Was ist was wert? Und wie lässt es sich zuverlässig feststellen? Es ist die uralte Frage, die den Kunstmarkt antreibt. Am vergangenen Wochenende tagten in Nürnberg dazu Museumsfachleute, Gutachter und Restauratoren auf Einladung des Bundesverbandes öffentlich bestellter und vereidigter Kunstsachverständiger (BVK), Thema: "Kunst zwischen Wert und Wertschätzung".

Sammler und Ratsuchende wollen nicht nur belastbare Zahlen, wenn es um Kauf oder Verkauf geht. Gutachten über den Wert eines Kunstgegenstandes spielen eine Rolle bei Schenkungen und Erbstreitereien, bei Steuerfragen oder wenn Leihgaben versichert werden müssen. Gefragt sind daher kunsthistorischer Sachverstand und Marktkenntnisse. Dafür gibt es Kunstsachverständige, geprüft und vereidigt von den Industrie- und Handelskammern. Sie arbeiten freiberuflich oder für Verbände, ihre Auftraggeber sind Gerichte, Versicherungen oder private Kunden. Sorgfalt liegt schon allein deshalb in ihrem Interesse, weil sie für Nachlässigkeiten haften können. Spezialisten gibt es für nahezu jede Nische – Gemälde, Möbel, Antiken, Fotografie.

Der Begriff "Wert" ist eine schwammige Kategorie, wenn es um Kunst geht. Der Frankfurter Anwalt Nicolai von Cube setzte bei der Tagung des BVK auseinander, was den Gemeinwert vom Verkehrswert und vom Wiederbeschaffungswert unterscheidet, und dass der Marktwert wiederum etwas ist, das sich ändern kann. Welche Faktoren spielen also mit, um ein Kunstwerk einzuschätzen?

Zunächst einmal müssen die äußeren Merkmale eines Objekts unter die Lupe genommen werden: Größe, Technik, Ausgangsmaterial wie Leinwand, Papier oder Holz. Natürlich spielt die Qualität, das Kunstfertige an sich eine Rolle. Aber auch der Zustand: Ist das Objekt gut erhalten, oder muss es restauriert werden? Hat es eine Signatur, und wenn ja, stammt sie tatsächlich vom Künstler selbst?

"Marktfrisch" ist ein weiteres Kriterium. Der Handel schätzt es, wenn ein Werk nicht schon durch zahllose Hände ging, sondern neue Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch ob es "marktgängig" ist, spielt eine Rolle, ob eine große oder eher bescheidene Nachfrage nach diesem Künstler zu erwarten ist. An dieser Stelle mischen Moden mit, Zeitströmungen, gegebenenfalls auch etwas wie ein "Hype". In jüngster Zeit immer wichtiger geworden ist die Provenienz, also der lückenlose Nachweis von Vorbesitzern eines Kunstwerks. Wie der Museumsleiter Ulrich Großmann bemerkte: "Ohne Besitzernachweise speziell für die Jahre 1933 bis 1945 geht in deutschen Museen nichts mehr." Niemand möchte etwas in eine Sammlung aufnehmen, was sich später als unrechtmäßig erworben herausstellt.

Wie riskant es sein kann, ein Objekt falsch einzuschätzen, bewies der Fall eines Teppichs aus dem 17. Jahrhundert. Zunächst freute sich die Teppich-Besitzerin darüber, dass er in einer Auktion 19.700 Euro erbrachte. Der neue Besitzer erkannte allerdings, um was für ein exquisites Teil es sich handelte – kurz darauf fiel dafür bei Christie’s in London der Hammer bei 7,2 Millionen Euro. Daraufhin wurde der Augsburger Auktionator auf Schadensersatz verklagt, und der Teppich "flog von einem Richtertisch zum nächsten", amüsierte sich die Süddeutsche Zeitung. Am Ende wies das Oberlandesgericht München die Klage der ursprünglichen Besitzerin ab.

Kompliziert wird die Frage nach dem Wert, wenn ein Kunstwerk beschädigt wird. Zur Erheiterung des Publikums führte der Würzburger Kunstsachverständige Martin Pracher dieses Problem am Fall von Pablo Picassos Gemälde Le rêve vor. 1932 porträtierte der Künstler seine Geliebte Marie-Thérèse Walter als Schlummernde im Sessel. Für 139 Millionen Dollar sollte das erotisch aufgeladene Werk 2006 gerade verkauft werden, als sein Besitzer, der Casino-Investor Steve Wynn, mit dem Ellbogen an die Leinwand geriet. Große Aufregung um ein kleines Loch im Unterarm der Träumenden. Pracher demonstrierte an einer Kopie per Laserpointer, wie unterschiedlich eine derartige Beschädigung bewertet wird, je nachdem, an welcher Stelle sich das Löchlein auftut – im Hintergrund rechts? Oder etwa im Angesicht der Träumenden? Schlimmstenfalls gar auf der Signatur? Auch wenn die professionelle Wiederherstellung den Schaden nicht mehr erkennen ließ, war Picassos Gemälde danach 40 Millionen weniger wert. Was wenige Jahre später irgendwie keine Rolle mehr spielte, da wurde Le rêve doch noch für 155 Millionen Dollar verkauft.

Zurück zum Alltag: Laien finden Gutachter auf den Websites des BVK oder des VUKS. Das Honorar sollte vor Erteilung des Auftrags ausgehandelt werden, sagt der Kunstsachverständige Martin Pracher, meist wird nach Arbeitsstunden abgerechnet. Auf jeden Fall sollte der Auftraggeber vorab wissen, was ihn erwartet. Das Geschäft gilt unabhängig vom Ergebnis, auch wenn das wehtut: Eine Sachverständige etwa berichtete, wie sie ein ihr vorgelegtes Bild als Fälschung erkannte. Der Auftraggeber war verärgert: Mit dieser Aussage sei das Gutachten für ihn wertlos geworden. Er denke daher nicht daran, dafür zu bezahlen. Der Preis des Gutachtens aber hatte Bestand – ganz unabhängig vom festgestellten Wert.