"Lindsay Lohan’s Beach Club"

Schon nach zwölf Minuten sind alle betrunken und springen in Unterwäsche in den Pool.

Nach 14 Minuten fließen Tränen. Zwischendurch stellt Lindsay Lohan ihr neues Geschäftsmodell vor.

So weit in Kürze der Plot meiner neuen Lieblingssendung. Lindsay Lohan’s Beach Club läuft seit Januar jeden Montag auf MTV. Reality-TV, eigentlich peinlich, aber egal. Lindsay Lohan gibt mir, was ich will: Drama, Rausch, Bitchyness. Ohne den Kater danach.

In den Neunzigern war Lohan ein süßer Kinderstar, danach reich, dann kam der Absturz. Drogensucht, Prozesse, Entzugskliniken, Rückfälle. Zwischendurch musste sie sogar eine Fußfessel tragen. Alles fand sehr öffentlich statt und verlief meist unschön. Jetzt besitzt sie einen Strandclub auf der griechischen Insel Mykonos, rekrutiert gut gebaute Partykids als Mitarbeiter und versucht sich als Geschäftsfrau.

Bei alldem ist eine Kamera dabei. Das Ergebnis sieht aus wie eine Fortschreibung der Lohan-Achterbahn, ohne Fußfesseln, dafür mit Businessplan und schwer steuerbaren Partykids. Kurz, es ist der Versuch einer Rehabilitierung in einer denkbar ungünstigen Umgebung. Klassischer Heldenstoff also. Eskalation und Exzess sind hier unvermeidbar.

Ich bin 34, nur zwei Jahre älter als Lohan, habe ein Kind, einen Job, eine schöne Wohnung mit Balkon. Bei mir eskaliert es höchstens mal, wenn mein Kind an einem Wochentag krank wird. Das war in meiner Jugend anders. Da taumelte ich hin und her zwischen Liebe und Hass, Euphorie und Depression, alles fühlte sich an wie Exzess, auch wenn es nur wie Apfelkorn schmeckte und nach Vanilla Kisses roch.

Ich bin seit Ewigkeiten rehabilitiert. Und reise nun mit Lohans Serie zurück an einen merkwürdig spätpubertären Ort der aufgeblasenen Gefühle und des ewigen Unverstands. Ob ich wohl heute auch in so einer quietschverzweifelten Vorhölle wie LiLos Beachclub rumspringen würde, wenn ich nie erwachsen geworden wäre?

Ein paar Bastschirme und Gartenmöbel auf weißem Sand. Junge Menschen in Badekleidung tanzen zu House-Musik und schwenken Getränke mit farbigem Verlauf, oben Gelb, unten Rot. Dazwischen sieht man Lohan in weiten Gewändern über den Strand wandern, immer etwas entrückt, oft selbst mit einem Glas in der Hand. Am liebsten spricht sie von ihrer Zukunft als erfolgreiche Businessfrau. Manchmal taucht dann Panos an Lohans Seite auf, ihr griechischer Geschäftspartner, der seine Verachtung für die Welt hinter großen Sonnenbrillen verbirgt. Panos will vor allem eins: Geld. Das sagt er sehr offen. Weshalb ihn das weitere Ensemble meistens nervt, das gute Dutzend durchtrainierter Mittzwanziger namens Gabi, Brent oder Alesso. Servicepersonal, eingeflogen aus amerikanischen "VIP-Clubs". Allesamt trinkfest und bereit für die nächste Party.

Während Lohan jeden Stein ihres Beach-Imperiums ins rechte Licht zu setzen versucht, reißen die Alessos und Gabis alles ein. Die Getränke, die sie verkaufen sollen, kippen sie selbst. Sie streiten, knutschen oder trinken sich bewusstlos, meistens halb nackt. Lohan wird abwechselnd wütend oder tieftraurig, weil die Kids ihre "Marke" ruinieren. Es wird kurz geheult. Panos muss einschreiten und mit Kündigung drohen, Folge für Folge.

Ich gehe mit, bei jeder Gefühls- und Getränke-Überdosis. Und will nicht entscheiden, ob Lindsay Lohan hier, dem MTV-Skript folgend, die Rolle ihres Lebens spielt oder ob ihr gerade wirklich wieder mal alles entgleitet. Aus voyeuristischem Interesse bevorzuge ich Variante zwei. Weil mich die mehr fasziniert – wie Lohan immer weitermacht und kämpft mit der Verstrahltheit der Jugend, dem Drama, irgendwo an einem griechischen Strand. Nach 40 Minuten Sendezeit bin ich jedes Mal aufs Neue mit meinem postjugendlichen Sofaleben versöhnt.

Gesa Steeger mag auch die Reportagen von Joan Didion, die Platten von Chet Baker und Kartoffeln