Diese Reise zu Marina Abramović beginnt im Großraumwagen eines ICE, im Ruhebereich. Bitte nicht laut sprechen, bedeuten die Symbole an Fenstern und Türen, bitte nicht telefonieren. Das Pärchen, das mit am Tisch sitzt, kümmert das wenig. Munteres Quasseln, er mit Frühbierfahne. Ich frage, ob es etwas leiser ginge. Nee, geht nicht. Innerlich fluchend, wünsche ich den beiden ein paar Übungseinheiten der Abramović-"Methode" an den Hals, am Nachmittag in Frankfurts Alter Oper: sieben Stunden striktes Schweigen. Schweigen, um neu empfinden zu lernen.

Anders hören heißt Marina Abramovićs neues Projekt. Es handelt explizit von Musik, und im Grunde lag das auf der Hand. Denn im Leben und Schmerzschöpfen der heute 72-Jährigen hat die Musik immer eine Rolle gespielt. Als sie sich 1974 in Neapel vom Publikum mit Schere, Nägeln und einer geladenen Pistole massakrieren ließ, nannte sie das Rhythm 0. Ihre Performance Light/Dark (ein Ohrfeigen-Exzess mit ihrem damaligen Lebensgefährten Ulay) sollte die "Nutzung des Körpers als Musikinstrument" versinnbildlichen. Und nach Werbe-Quickies an der Seite von Jay Z oder Lady Gaga wird sie 2020 in München ihre erste Oper inszenieren: The 7 Deaths of Maria Callas. Eine Hommage an die Primadonna assoluta, der sie sich im Ausdrucksexistenzialismus so seelenverwandt fühlt. Beide mit den gleichen dunklen Augen, der gleichen großen Nase, bösen Müttern, falschen Männern. Abramović als Carmen, Tosca, Aida.

Zeitgleich widmet ihr die Royal Academy in London als erster Frau überhaupt eine Einzelausstellung. Aus diesem Anlass will Abramović ein älteres Experiment wiederholen und sich von einer Million Volt unter Hochspannung setzen lassen (Überleben garantiert), um mit ihren Fingerspitzen eine Kerze zu löschen. Setzt es auch in Frankfurt nun Stromschläge, werden Brandherde lodern, glimmen, kokeln? Ihre letzten Arbeiten haben gezeigt, welchen Häutungsprozess die serbische "Kriegerin" just durchläuft: von "der Selbstzerstörungs- zur Selbstheilungskünstlerin", von der Virtuosin der Authentizität zur Hohepriesterin des Nichts, das eigene Verschwinden inbegriffen. "Wellnessgeplänkel" nennen das böse Zungen. Vielleicht ist die Metamorphose für Abramović aber auch nur ein Transit. Das Flüchtige der Musik dürfte ihr dabei entgegenkommen.

Die Einweisung in die Abramović-Methode beginnt an der Alten Oper damit, dass man Handys, Uhren, Taschen abgibt, ein Schweigegebot auferlegt bekommt ("Sie befinden sich an einem Ort der Langsamkeit und der Stille") und vor Betreten des Saals einen schallschluckenden Kopfhörer aufsetzt. Nun hört man kaum mehr als das eigene Blut rauschen oder die Halswirbel knarren. Stundenlang nichts hören, um fortan anders zu hören? Junge Menschen in Schwarz, die "Vermittler", geleiten einen zur ersten Übung. Man kann Linsen und Reiskörner sortieren und zählen, betont langsam gehen, mit geschlossenen Augen auf einem Podest stehen, Farbtafeln betrachten, Blindekuh spielen (mit Kopfhörer!), einer anderen Person gegenübersitzen und in die Augen blicken oder – schönstes Exerzitium! – sich auf ein Feldbett legen und schlafen, mit Kissen und Decke. Alles so lang und so oft, wie man will oder kann. Meditationserfahrene sind hier eindeutig im Vorteil.

Das Zeitgefühl kommt einem relativ schnell abhanden, und irgendwann hört man auch auf, die anderen zu beobachten: Wer sortiert wie Reis und Linsen? Wer starrt am längsten die Farbe Rot an? Wer ist Rücken-, wer Seitenschläfer? Alles wird ein bisschen egal, man langweilt und entspannt sich. Und staunt über die eigene Geduld, das ungeahnte Durchhaltevermögen. In der zweiten Runde, nach einer Pause, das Ganze von vorn. Nur dass jetzt auch Marina Abramović mittut, Hülsenfrüchte zählt, Teilnehmer an die Hand nimmt, Vermittler umarmt. Kleiner wirkt sie, als Fotos es verheißen, gedrungener, und die Nase, mit der sie ein Leben lang gehadert hat, ist gar nicht so groß. Sofort ruhen alle Blicke auf ihr, als könnte sie vormachen, wie das geht, im Hier und Jetzt sein, nur im Hier und Jetzt. Darauf kommt es an: sich innerlich zu "reinigen" vom Weltendreck und -lärm, sich zu öffnen und mit Klang vollzusaugen. Abramović wird bei ihren Verrichtungen von einem Kamerateam begleitet, das macht die Sache schal. Auch weil es den Schutzraum verletzt, den Uterus, in den man gerade erst gekrochen ist.

Nach sieben Stunden fühlt sich das Leben draußen erstaunlich wenig grell an, eher lieblich, milde, als brächte man ihm eine Extraportion Empathie entgegen. Vielleicht ist man aber auch einfach nur froh, sich selbst wieder entronnen zu sein.

Am nächsten Tag dann das "Konzert". Über Videoscreen begrüßt Abramović das Publikum in den Foyers zu einer "einzigartigen Erfahrung", und dieses scheint über Nacht alle Kontemplation wieder verloren zu haben: Es schwätzt, es hustet, und später klatscht es an den falschen Stellen. Läuterung: gleich null. Zur Einstimmung gibt es Atem- und Stimmübungen mit der Meisterin und ihrer Co-Autorin Lynsey Peisinger. "O" brummt es aus über 2000 Kehlen, "U", "A", "Mhm", Hände wandern vom Bauch über die Kehle bis zur Schädeldecke. Danach tritt die erste Musikerin auf, die Geigerin Carolin Widmann. Einer der Vermittler bahnt ihr den Weg durchs Parkett, wo die Zuhörer teilweise auf Kissen auf dem Boden hocken.

Das ist das Prinzip: Alle Musiker werden herein- und wieder herausgeführt, bedächtigen, gemessenen Schritts. Man denkt an den Ursänger Orpheus, der seine tote Geliebte Eurydike aus der Unterwelt zurück ins Leben holen will und sich nicht zu ihr umdrehen darf. Singen freilich lässt Abramović nicht, die menschliche Stimme bleibt ausgespart, und das möchte man zu gerne politisch verstehen. Weil Anders hören sich so aufreizend privatistisch geriert, und weil Musik so viel mehr ist als ein kollektiver Selbsterfahrungstrip. Muss der Mensch seine Stimme, seine Sprache erst wieder finden? Widmann spielt etwas Improvisatorisches, Paganini und Bach wehen vorüber, herrlich porös klingt die G-Saite unterm Dämpfer. Die Ohren genießen das.

Auch alle anderen Spieler (Flöte, Cello, Duduk, Klavier, Sitar, Pipa, Orgel, Akkordeon, Gitarre) agieren ausschließlich solistisch. Und das könnte ebenfalls ein Statement sein: für das fehlende Miteinander, die gnadenlose Vereinzelung in der Gesellschaft. Oder will Abramović genau das preisen? Konzertformate, die mit den Ritualen des Musikvollzugs brechen, sind nichts Neues. Dass Interpreten einen ganzen Saal als Bühne nutzen und das Publikum wandeln darf, lümmeln, dösen – dafür hätte es keiner Performance-Päpstin bedurft. Denn die Effekte solcher Sit-ins sind stets die gleichen: Das Öffentliche wird zum Privaten erklärt, das Private öffentlich gemacht. Grenzen verschieben sich und werden neu verhandelt. Der Konzentration auf Dinge, die außerhalb des eigenen Selbst liegen, ist das selten förderlich. Und der Disziplin auch nicht.

Anfangs lauscht man noch mit Lust, als hätten die Sinne tatsächlich eine Schärfung erfahren: auf die Klappengeräusche der Flöte, das Rascheln der Akkordeon-Falten. Leider wird alles technisch verstärkt, das nivelliert das Hörvergnügen. Und so ermüdet man bald vor einem Weltmusikstrom, der Vertrautes an Exotisches reiht und nichts Universelles gewinnt. Außerdem neigt die zweite Hälfte stark zum Dudelig-Esoterischen. Das Finale nach fünf Stunden gehört dann der neuen Musik. Fast kreuzt sich der letzte Weg der Geigerin mit dem des Duduk-Spielers, als würden sich Orient und Okzident berühren, einen Wimpernschlag lang. Als söhnten sich alle Konflikte aus, von denen ein langes Wochenende lang nicht die Rede war. Blackout. Und Applaus. Eigentlich wie immer.