Das blau-weiße Trikot hat Mehmet Can Aydin in die Hose gestopft, sonst würde man sehen, dass es ihm zu groß ist. In seinem Team ist er der Jüngste. Gleich wird der Schiedsrichter das bislang wichtigste Spiel seiner Karriere anpfeifen.

Wenn er heute gut spielt für die U19 von Schalke 04, wenn er ein Tor macht gegen Köln, wie er es sich vorgenommen hat, könnte er sogar erste Angebote aus dem Ausland bekommen. 300 Menschen sind an diesem Sonntag im Februar ins Kölner Stadion gekommen, unter ihnen etliche Spielerbeobachter. Anpfiff. Aydin sprintet los zu seinem ersten Zweikampf in dieser neuen Liga.

Mehmet Can Aydin ist ein Ausnahmetalent: Seit er 14 ist, gehört er zum Kader der Jugendnationalmannschaften, zurzeit ist er in der U17 Kapitän. Im November kürte ihn Sport Bild zu den "Top-Talenten". Erst in sechs Tagen hat er seinen 17. Geburtstag.

"Vor dem Anpfiff", sagt Mehmet Can Aydin, "habe ich manchmal Angst davor, zu enttäuschen." Die Hoffnungen, die auf ihm liegen, sind riesig: Er könnte Schalke 04, seinen Verein, irgendwann wieder auf einen der oberen Plätze der Bundesliga führen. Er könnte dabei helfen, dass die deutsche Nationalmannschaft wieder erfolgreichen Fußball spielt. In drei Jahren, bei der WM in Katar, ist Mehmet Can Aydin 20 Jahre alt. Das perfekte Alter für einen Auftritt auf der Weltbühne.

Mehmet Can Aydin ist Deutschtürke – wie Mesut Özil. Er hat sich entschieden, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen. Er könnte in Schalke vom großen Talent zum Star reifen. Wie vor mehr als zehn Jahren Mesut Özil.

Was heißt das aber, seit Özil, der "deutsche Zauberer" (The Guardian), im Sommer aus der Nationalmannschaft schied? Seit er dem DFB Rassismus vorwarf und diesen Satz zwischen die Deutschen und die Deutschtürken gestellt hat: "Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren."

An einem Donnerstag im November klingelt um 6.30 Uhr Mehmet Can Aydins Wecker. In Übach-Palenberg, einer Kleinstadt nahe Aachen, ist es noch dunkel; im Einfamilienhaus der Familie Aydin brennt schon Licht. Mustafa, Mehmet Cans Bruder, kommt gerade aus dem Bad. Der 22-Jährige schläft im selben Zimmer, von ihm lernte Mehmet Can das Fußballspielen. In der linken Zimmerecke steht das Bett von Mustafa, in der rechten das von Memo, das ist Mehmet Cans Spitzname. Dazwischen ein Teppich mit der Skyline von Istanbul, an der Decke ein Poster mit der Skyline von New York. Nicht nur das Zimmer teilen sich die Brüder, auch so gut wie alles, was darin ist. Den Fernseher. Die Klamotten. Das Löwenkuscheltier auf dem Schrank.

Mehmet Can Aydin sieht verschlafen aus. Er schlüpft mit dem rechten Fuß in seine Manschette. Schon den zweiten Bänderriss hat er in dieser Saison, ein Zeichen körperlicher Überlastung. "Das nervt", sagt er. "Ich will spielen." Ist er verletzt, sinkt sein Marktwert.

Nach den Fitnessübungen meldet sich das iPhone: "Beten". Er rollt einen Teppich aus, schließt die Augen, geht auf die Knie, Verse des Korans flüsternd, erhebt sich, geht noch einmal auf die Knie und steht wieder auf. Es ist das erste Gebet für heute.

Für Mehmet Can Aydin ist im Leben nichts so wichtig wie die Religion. Darauf folgen zweitens: Familie und Freunde. Und drittens: der Fußball. Drei weitere Gebete wird er heute noch sagen. Nur das am Nachmittag muss er oft ausfallen lassen. Da ist er beim Training.

Am Frühstückstisch sitzen die Aydins zusammen, es wird viel gelacht. Heute gibt es nur ein Thema: Mehmet Can ist in der Sport Bild. "Wir sind alle noch total geschockt", sagt Mustafa und schenkt seinem Bruder einen anerkennenden Blick. Seine Mutter, die er mit dem türkischen Wort anne anspricht, stellt ihm Toast und Rühreier hin. So gibt es sein Ernährungsplan vor. Daneben Schälchen mit Nüssen, gut für die Muskulatur.

Wie es ist, wenn der Fußball ein Kind zum Erwachsenen macht, zeigt eine Karikatur an der Wand. Mehmet Can ist darauf zu sehen, zehn oder elf Jahre alt, mit breitem Grinsen. Einmal steht sein Vater vor dem Bild. Seit Memo Fußball spiele, sagt er, lächle er viel weniger. "Aber der Fußball ist seine Liebe." Er klingt wehmütig.

Auch dem Vater und der Mutter verlangt dieser Weg vieles ab. Sie mussten eigene Bedürfnisse zurückstellen und ihren Sohn früher loslassen. Ihre größte Sorge ist jetzt, dass er sich einmal ernsthaft verletzt.

In Momenten der Stille, etwa auf der Fahrt zum Training, wirkt Mehmet Can Aydin nachdenklich, fast melancholisch. Er sieht dann aus wie ein ganz gewöhnlicher Junge, der keine Lust auf die Mathematikklausur nächste Woche hat.

Aber er ist kein gewöhnlicher Junge. Er trägt ein Talent in sich, das nur wenige haben. Mal spielt er im Mittelfeld, mal in der Außenverteidigung. Er ist ein Allrounder und deshalb bei Trainern so begehrt.

Die Mutter kümmert sich um den Haushalt und packt die Sporttasche. Sie ist froh, dass ihr Sohn nicht im Internat wohnt, zwei Stunden von Übach-Palenberg entfernt, hier ist die Familie seit den Siebzigerjahren fest verwurzelt. Mehmet Can Aydin bleibt auch ihretwegen.

Der Vater ist zuständig für die Logistik. Seit ein paar Jahren wird der frühere Lkw-Fahrer von Schalke 04 dafür bezahlt, seinen Sohn zum Training zu fahren. Er ist sozusagen der erste Angestellte im Familienunternehmen der Aydins. Schon jetzt, mit 17 Jahren, ist Mehmet Can Aydin die Existenzgrundlage seiner Familie. Von seiner Fitness hängt ihr Lebensstandard ab.

Scheitert er, braucht es einen Plan B. Aber wer denkt schon ans Scheitern, wenn ein Traum so nah ist?