Die Fähre setzt mich am Westufer Djurgårdens ab, neben Gröna Lund, dem Vergnügungspark, und ich denke, das mit den vielen Stockholmer Inseln könnte später, nach den Drinks, wenn die Achterbahn also auch in meinem Kopf fährt, zum Problem werden. Dann gehe ich ins Alkoholmuseum, ich bin nämlich ein Freund der idealen Vorbereitung. Dass diese drolligen Schweden überhaupt ein Alkoholmuseum haben, ist schon toll, zumal gelegen zwischen Vasa- und ABBA-Museum, mithin eingebettet ins Bermudadreieck schwedischer Identität.

Im Museum gibt es einen Kater-Raum, der alle Stadien des Rausches simuliert. Der Schrecken, den ich dabei empfinde, lässt sich nicht in Worte fassen. Muss ich schon jetzt erleben, wie ich nach meiner Bar-Tour drauf sein werde? So sehen wir aus, wir Trunkenen? So lachen, laufen, lallen wir? So fallen wir in den Dreck?

Ich fliehe aus der Ausstellung in die Museumsbar Brygga & Berså. Elegante Schweden relaxen an den Tischen, und ein paar aus der Mode Gefallene stehen daneben, das sind die Touristen. Ein erster Drink, jetzt aber, und nur für mich, ich trinke heute nämlich allein. In eine gute Bar kann man allein gehen, ohne sich einsam zu fühlen, das habe ich neulich in einer Doku gehört. Jakob Karlsson, der Barmann, den ich in meinem Block leider als Tresen-Jonas zitiere, wofür sich bei beschämter Revision meiner Notizen am Folgetag keine rechte Erklärung finden lassen will, Karlsson jedenfalls hat einen Sommelier-Bachelor an der Universität von Örebro gemacht, ist hergewechselt und befördert worden, auch weil er irre Gin Tonics mischt. Gegen Gin Tonic ist nichts einzuwenden, selbst wenn deutsche Trendforscher den Drink, nachdenklich am Gestell ihrer Hornbrillen kauend, totschreiben wollen. Der Gin komme, so Karlsson, aus der ersten Destille der Stadt in Södermalm. "Das Tonic machen wir aus Kaffirlimettenblättern." Karlsson führt mich über eine geheime Tür ins Museum, in ein Glaslabor, für alle Besucher exponiert, auch ich bin vorhin vorbeigeschlendert. Wäre ich etwas früher gekommen, hätte ich mich selbst ansehen können, denke ich, bin mir aber nicht sicher, ob das stimmt. Der Gin dreht gut rein. Austrinken.

Karlsson empfiehlt das Pharmarium auf der Altstadtinsel Gamla stan. Das Pendeln mit Fähre ist so lange schön, bis meine Fähre an Gamla stan vorbeifährt, es ist nämlich die falsche. Ja, womöglich habe ich bei Karlsson auch zwei Drinks genommen! Das Schöne ist ja, wenn man neben sich steht, hat man wenigstens jemanden zum Anlehnen. Über Umwege finde ich mein Ziel.

Das Pharmarium liegt gegenüber der Nobelpreis-Akademie. Mich empfängt wohliges Halbdunkel, das gute Cocktailbars immer auszeichnet. Ich muss nicht weitergehen. Es muss jetzt weitergehen. Ich setze mich an den Tresen, hinter dem sich Rezeptschubladen stapeln, war ja wirklich mal eine Apotheke. Die Karte ist an Kenner adressiert, die Drinks heißen Velvet Forest und Night Howler. Ich bestelle einen Imaginarium, ein Gemisch aus Wodka, Amaro CioCiaro, Butterscotch, Bitter und Zitrone, mit Gelee-Perlen bestreut. Danach bewundere ich wortreich den Balthus-Krawattenknoten des Barkeepers, und wir sind im Gespräch. Gabriel Valdés sagt, meine Wahl sei klug gewesen, weil der Wodka den Schweden heilig sei.

Früher, erklärt er, war Wodka das Standardgetränk, morgens wie abends, jeder destillierte ihn im Kessel. Heimbrennerei wurde zwar irgendwann verboten, aber die Liebe zum Wodka ließ sich nicht verbieten. "Vielleicht weil Wodka ein ehrlicher Drink ist", grübelt Valdés, "der am besten zu uns Schweden passt." Parallel zu seinem Vortrag gleitet Valdés an der Bar entlang, als stünde er auf einem Mini-Skateboard. Ich gucke, aber da ist nichts, nur eine flinke Fußtechnik, ähnlich Michael Jacksons Moonwalk. Als ich das sage, sagt er: "Jackson, dieser König. Aber ein trauriger König, in einem Turm aus Gold. Thriller bleibt für immer." Und dann ruft er einem Kollegen zu, mach mal Thriller an, und der Kollege macht mal Thriller an. So sitzen wir da und trinken und hören Thriller, man kann Thriller auch hören, ohne zu tanzen, das ist am Ende sogar die größere Leistung.