Letztens gab es bei Germany’s Next Topmodel einen kleinen Skandal, mit Tränen und einer Anzeige beim Staatsanwalt. Bei den Dreharbeiten war es zu einem Streit gekommen, an dessen Ende die 18-jährige Jasmin der 17-jährigen Lena eine Ohrfeige verpasst hatte. Auf Instagram präzisierte die Aggressorin später ihre Tat und schrieb von einer "Respekt-Schelle". Lena sei einfach "zu frech" gewesen.

Mal davon abgesehen, dass es sich hier wunderbar zeitgemäß um einen Fall von Framing handelt (man denkt an die Respekt-Rente von Hubertus Heil), stellt sich dann doch die Frage, ob die "Respekt-Schelle" nicht irgendwie eine Tautologie darstellt, dass also diese beiden Wörter am Ende doch das Gleiche meinen. Denn eine Schelle, eine Watschn, eine ordentliche Fotzn, die hat ja immer irgendwie mit Respekt zu tun. Oder?

So falsch und verabscheuungswürdig Gewalt natürlich ist, so schwer ist die Ohrfeige totzukriegen. Als Respektbeschaffungsmittel ist sie immer noch häufig Waffe der Wahl. Um zu verstehen, warum, muss man ihren Mechanismus begreifen. Eine Ohrfeige ist ja eine besondere Form des Schlags, vielleicht die einzige, deren Ziel es ist, den Gegner gerade nicht physisch zu beschädigen. Im Gegenteil. Der Geschlagene muss unbedingt intakt bleiben, damit die Watschn ihre brutale Wirkung entfalten kann. Und die ist psychologischer Natur.

Der Gangster Archie erklärt es seinen Jungs in Guy Ritchies Gangsterfilm RocknRolla am besten: "Wenn du so eine Ohrfeige beherrschst, werden sich deine Kunden nicht mehr zurückhalten wollen", wobei er mit "Kunden" eher "Opfer" meint. "Sie werden sprudeln wie eine Quelle voll der Worte. Es bedarf keiner großen Gewalt, nein, nein. Sie glauben sich in ihre Kindheit zurückversetzt." Kurz gesagt: Man macht die anderen klein und sich selbst groß.

Deswegen ist die Ohrfeige sehr beliebt bei Menschen, in deren beruflichem Umfeld Respekt eine große Rolle spielt. Zum Beispiel bei Gangstern oder Rappern oder Gangsterrappern. Bekannt für eine besonders brutale Form der Respekt-Schelle war lange Zeit der Musiker Bushido. Oder besser gesagt seine Beschützer vom Abou-Chaker-Clan. Der Rapper brachte die libanesischen Gangster früher gern zu Partys mit, wo sie nach keinem der Öffentlichkeit bekannten Prinzip sogenannte Nackenschellen an die Gäste verteilten: Schläge mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.

Klingt fies und wird gleich noch fieser, wenn man liest, wie beiläufig Bushido die Verwendung des Nackenschlags beschreibt. Aus seinem Buch Auch wir sind Deutschland: "im Café chillen, zwanzig Leute um mich herum, einen zum Essenholen schicken, Karten spielen, einem anderen ’ne Nackenschelle geben". Und dann führt er scharf beobachtet aus, dass "die deutsche Ablehnung der fremdländischen Familientraditionen" aus einer Sehnsucht nach ebendiesem Zusammenhalt entstehe. Was doppelt lustig ist, weil Bushido inzwischen mit den Abou Chakers gebrochen hat. Jetzt beschützen ihn Jungs, die am liebsten Hand-Schellen verteilen (Hammer-Gag!).

Die Schelle ist natürlich nicht nur ein Mittel von Verbrechern oder Reality-TV-Kandidaten. Auch zivilisiertere Kreise greifen gern zur Watschn. Der perfideste Ohrfeigengeber Europas ist Jean-Claude Juncker, der Präsident der EU-Kommission. Googeln Sie es! Es gibt ein Video im Internet. Junckers Geheimnis ist, dass er immer öffentlich ohrfeigt – und gern folgt auf die Watschn eine Umarmung oder ein Kuss. Das sieht zwar lustig aus, hat aber den ähnlichen Effekt wie bei Bushido: Juncker macht sich zum Boss und die anderen zu Jungs. Und weil Kameras dabei sind, traut sich keiner, sich zu wehren.

Das alles zu wissen löst nun aber nicht das offensichtliche Problem, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Gewalt verpönt, das Bedürfnis nach Respekt aber zunehmend vorhanden ist. Ein Blick in die Geschichte der Ohrfeige könnte hier helfen. Es soll Zeiten gegeben haben, da wurden Respekt und Ehre so ernst genommen, dass der Satz "Fühlen Sie sich geohrfeigt" schon ausreichte, um jemanden zu beleidigen. Eine gute Praxis für die Gegenwart – etwa im Fall des Rappers Gzuz, der sogar mal einem Schwan eine geknallt hat: Ein Clip im Netz zeigt, wie er dem Tier nach dem Kopf schlägt und es dabei aufs Übelste beschimpft. Das hat ihm eine Klage von Peta eingebracht.

Den ganzen Ärger hätte Gzuz sich sparen und einfach sagen können: "Fühl dich geohrfeigt, du Hurensohn."