Die alte Dame sitzt am liebsten oben. Dort hat sie ihre Ruhe und den Überblick über Baumstämme und Kletterseile, die sie umgeben. Und über den Wassergraben, der sie trennt von den Wesen, die sie anstarren und fotografieren.

Sitzt sie hoch oben, erinnert sie das vielleicht an ihre Kindheit, an die wippenden Äste unter dem heißen Himmel Sumatras. Im Dschungel Indonesiens lebte sie, bis sie von Tierfängern nach Hamburg gebracht wurde, in den Tierpark Hagenbeck. Als das junge Orang-Utan-Weibchen 1964 mit dem Flugzeug ankam, sah sich der Tierarzt erst mal ihre Zähne an. Wie bei Menschenkindern kann man am Milchgebiss das Alter ablesen. "Drei Jahre alt", sagte der Arzt. Das war am 16. April. Seitdem gilt dieser Tag als ihr Geburtstag. In diesem Jahr wird sie, die den Namen Bella trägt, also 58, was für Orang-Utans unglaublich alt ist. Wissenschaftler geben die Lebenserwartung der großen Menschenaffen in freier Wildbahn mit höchstens 50 an. In keinem Zoo lebt ein Artgenosse, der älter ist als sie. Bella ist also vermutlich der älteste lebende Orang-Utan der Welt.

Will man mehr über die Grande Dame erfahren, muss man sich an ihren menschlichen Vertrauten halten, an Philipp Detzner. Er ist Revierleiter bei Hagenbeck. Häufig wird er Tierpfleger genannt, aber der Begriff passt nicht: Wer mit ihm Bella besucht, hat nicht den Eindruck, ein Wesen kennenzulernen, das hilflos ist und Pflege braucht. Selbst der Begriff "Tier" ist schwierig: Zu sehr verschwimmen die vermeintlich klaren Unterschiede zwischen Mensch und Affe.

Detzner baut für Bella Leckerli-Verstecke, zum Beispiel aus Holz gesägte Labyrinthe. Manche Schulkinder scheitern an der Aufgabe, sich mit Murmeln einen Weg von einem Ende zum anderen zu bahnen. Bella schafft es mit ihrem Futter immer. Sie sucht den passenden Zweig und kugelt die Häppchen Biegung um Biegung nach unten. "Sie ist die Klügste", sagt Detzner. "Wenn ich eine neue Kiste gebaut habe, holen die anderen Bella, damit sie ihnen zeigt, wie das geht." Die anderen, das sind Tuan, der Obermann der Gruppe, der eigentlich auf Männer steht. Batak, der Halbstarke, der von ihm ein wenig angebetet wird. Und die Damen Toba, Sly, Marie und Simia.

Die Orangs, erzählt Philipp Detzner, verständigten sich in einer filigranen Sprache, die er sich mühsam habe beibringen müssen. "Sie kommunizieren mit minimaler Mimik. Ein Mundwinkelzucken reicht, schon wissen alle, was gemeint ist", sagt er. "Ich brauche länger. Es kommt vor, dass Bella vor mir sitzt, ich denke, sie macht gar nichts. Und irgendwann schaut sie genervt und zeigt mit dem Finger auf die Trinkflasche. Hat er es wieder nicht verstanden! Orang-Utans finden uns wohl ziemlich begriffsstutzig." Der ausgestreckte Finger ist dabei ein Zeichen ihrer Lernfähigkeit, sie hat ihn sich von den Menschen abgeschaut.

Während viele Besucher meinen, dass Bella nur auf ihrem Baumstamm sitzt und sich nicht für sie interessiert, registriert sie ihre Bewegungen genau. Menschenaffen starren nie direkt, das gilt als grob unhöflich, fand die Schimpansenforscherin Jane Goodall heraus. Sie lugen verstohlen über die Schulter. Wer darauf achtet, sieht, dass Bella alle paar Sekunden leicht den Kopf Richtung Menschen dreht – gerade weit genug, um sich aus den Augenwinkeln einen Überblick zu verschaffen. Die Orang-Gruppe in Hamburg versteht auch Wörter wie "Wasserschlauch". Wenn zwei Weibchen nicht aufhören zu streiten, trennte Detzner sie früher mit dem Schlauch. Heute reicht es, wenn er das Wort sagt. Schon ist Ruhe.

Bella muss er das nicht sagen. Sie zetert nicht mehr, dafür ist sie zu alt. Neun Kinder hat sie großgezogen. Ihre jüngste Tochter heißt Marie. Jeden Abend geht sie Arm in Arm mit ihr nach hinten. Orang-Utan-Mütter wie Bella sind nicht nur sehr liebevoll, sie sind auch sorgfältige Lehrerinnen. In der Wildnis bewohnen sie allein mit ihrem Kind ein etwa zehn Hektar großes Waldrevier, dessen Karte sie detailliert abspeichern – in drei Dimensionen, denn sie bewegen sich vor allem über die 50 Meter hoch aufragenden Baumkronen fort. Sie wissen, welche Pflanze bei Bauchschmerzen hilft und wann welche Bäume Früchte tragen. Bella hat dieses Wissen behalten, obwohl sie seit mehr als einem halben Jahrhundert im Gehege lebt. Wenn es frische Äste gibt, interessiert sie sich nicht zuerst für die Blätter, sondern sucht unter der Rinde nach Insekten. "Sie ist keine Analphabetin im Waldlesen", sagt Detzner.

Häufig setzt Bella ihre Fähigkeiten allerdings nicht mehr ein. Sie ist in letzter Zeit immer stiller geworden, zieht sich zurück, sitzt allein in den Wipfeln. Wenn es Essen für die Gruppe gibt, kommt sie nicht dazu, sie kann das meiste nicht mehr kauen, ihr Gebiss hat kaum mehr Zähne. Philipp Detzner lässt sie deshalb abends als Erste in die Schlafbox und serviert ihr Köstlichkeiten: süßen Brei und Bananenquark.