Hamburg wächst, und die Hamburger kriegen mehr Kinder. Allein in diesem Sommer kommen gegenüber dem letzten Jahr 762 Schulanfänger hinzu, genug für neue 36 Klassen. Die Folge: In den Schulen wird es eng. In allen Bezirken sind neue Schulgebäude geplant oder schon in Bau, zudem werden viele Schulen ausgebaut. Dagegen wehren sich Eltern. An der Max-Brauer-Schule in Ottensen ist eine Protestbewegung gegen eine Schulerweiterung entstanden. Der Elternrat fürchtet, die Schule werde zu groß, zu unübersichtlich und der Platz für die Einzelnen zu knapp.Wie die Stadt ihre Schulen ausbaut, steht im Schulentwicklungsplan. Die letzte Fassung stammt von 2012 und galt damals unter Finanzexperten als überdimensioniert. Inzwischen sagen Kritiker das Gegenteil: Die Stadt habe sich zu spät auf die wachsenden Schülerzahlen eingestellt. Es diskutieren: Ties Rabe (Schulsenator, SPD, vormals Lehrer, Thomas Neitzel (hat sich in der Elternkammer engagiert), Stephan Kufeke (Grundschulleiter im Ruhestand) und Carola Abts (Elternrat der Max-Brauer-Schule).

DIE ZEIT: Herr Senator, wie groß war die Grundschule, die Sie besucht haben?

Ties Rabe: Ich bin in einem kleinen Dorf am östlichen Stadtrand groß geworden. Mein Jahrgang war der erste, der eine eigene Klasse hatte, vorher gab es nur Klassen mit Schülern mehrerer Jahrgänge.

ZEIT: Erinnern Sie sich an den Schulhof?

Rabe: Der war geteert und viereckig.

Carola Abts: In meiner Grundschule gab es vier Parallelklassen, sie war ein Teil einer Grund-, Haupt- und Realschule. Auf dem Schulhof standen große Platanen.

Thomas Neitzel: Ich grüble noch, ich glaube, meine Grundschule war dreizügig. Der Schulhof war wenig attraktiv, geteert, mit einem Laubengang. Das war’s.

Stephan Kufeke: Ich bin in Bergedorf zur Schule gegangen, da gab es 1956 noch einen Knabenteil und einen Mädchenteil. Der Schulhof war auch geteert, und in der Mitte stand eine halbhohe Mauer, die die Mädchen von den Jungs trennen sollte. Wie viele Klassen es gab, weiß ich nicht, da hat man als Schüler nicht drauf geachtet.

ZEIT: Gerade streitet Hamburg darüber, wie Schulen aussehen und wie groß sie sein sollen. Diese Debatte konzentriert sich auf die geplante Erweiterung der Max-Brauer-Grundschule in Ottensen. Frau Abts, Sie sind dort Elternvertreterin.

Abts: Unsere Grundschule soll mehr als doppelt so groß werden: von jetzt dreizügig mit einer Vorschulklasse auf sechszügig mit drei Vorschulklassen. Das Schulgelände bleibt aber gleich, die Schule wird also verdichtet. Wir werden dann – zusammen mit dem weiterführenden Teil der Schule – eine der größten Schulen in Hamburg mit rund 1800 Schülern sein.

ZEIT: Worin genau sehen Sie hier ein Problem?

Abts: Kleine Kinder brauchen überschaubare Systeme, sie müssen erkennen können: Wer gehört in welche Klasse, welche Lehrer oder welche Erwachsenen gehören überhaupt zur Schule, wer ist Lehrer, wer ist Elternteil? Außerdem ist geplant, die Aula abzureißen. Die Aula ist das Herz der Schule, weil dort sehr viele Veranstaltungen stattfinden und sie sehr zur Identifikation der Schüler und der Lehrer mit der Schule beiträgt. Der Schulhof wäre dann über Jahre eine Baustelle.

Schulsenator Ties Rabe, SPD, vormals Lehrer © Ludwig Ander-Donath für DIE ZEIT

Rabe: Hamburg streitet keineswegs über große Schulen. Wir haben in den vergangenen Jahren mit einem sehr großzügigen Schulbauprogramm zahlreiche Schulen ausgebaut, und ausnahmslos alle Schulen haben sich darüber gefreut, die Max-Brauer-Schule ist eher ein Sonderfall. Wir haben schon jetzt viele Grundschulen mit sechs oder sieben Parallelklassen, und gerade diese Schulen sind die beliebtesten Schulen. Natürlich ist eine Bauphase unbequem, aber am Ende ist die Schule schöner und hat deutlich mehr Räume. Und selbstverständlich werden wir eine neue Aula bauen, die zudem schöner wird als die jetzige. Selbst in der Übergangsphase gibt es einen guten Ersatz. Platz ist ja da: Das Schulgrundstück ist im Hamburger Vergleich außerordentlich groß. Es hat über 40.000 Quadratmeter, um die Ecke bauen wir auf einem 23.000 Quadratmeter großen Grundstück sogar drei Schulen, die alle mit der Planung zufrieden sind. Insofern reden wir hier über eine recht komfortable Lage.

ZEIT: Frau Abts, haben Sie da ein Luxusproblem?

Abts: Das glaube ich nicht. Und es gibt auch nicht so viele Grundschulen in Hamburg, die sechszügig sind, von 200 Grundschulen haben 18 sechs Züge. Die beiden Schulen, die siebenzügig sind, sind über zwei Standorte verteilt, das schafft für Kinder auch wieder eine andere Übersichtlichkeit.

ZEIT: Herr Kufeke, was sagt ein erfahrener Schulleiter, ist eine sechszügige Grundschule zu groß?

Stephan Kufeke, Grundschulleiter im Ruhestand © Ludwig Ander-Donath für DIE ZEIT

Kufeke: Nein, aber sie erfordert natürlich andere Maßnahmen. Die Sozialkontrolle ist in einer kleinen Schule grundsätzlich eher zu gewährleisten. Aber ich kenne Kolleginnen und Kollegen, die auch an sechszügigen Schulen arbeiten, und die klagen nicht. Kinder können sich an diese Komplexität gewöhnen, wenn die soziale Fürsorge da ist. Und aus schulischer Sicht hat die Größe häufig Vorteile. Man hat einen größeren Personalfundus, auf den man auch bei Krankheit zurückgreifen kann oder bei Schwangerschaften.

ZEIT: Frau Abts hat eben sehr zurückhaltend formuliert, der Elternrat, dem sie angehört, wird deutlicher: "Aggression, Gewalt, psychische Störungen und Schulversagen" seien mögliche Folgen der geplanten Schulerweiterung. Halten Sie das für plausibel?

Kufeke: Grundsätzlich ist es immer gut, wenn Eltern für ihre Kinder das Beste wollen. Aber Sie haben eine gute Schule, Frau Abts, und die würde auch mit einer erweiterten Schülerschaft weiterhin eine gute Schule bleiben und nicht in Aggression versinken.