Gleich mal die lustigste und zugleich rührendste Szene von Monsieur Claude 2: Glücklich schlägt sich das ältere Ehepaar Marie und Claude Verneuil, gerade zurückgekehrt von einer Weltreise, endlich wieder den Bauch mit französischem Essen voll. Während im Fernsehen eine Sendung über die Schönheit französischer Landschaften läuft, erfolgt die kulinarische Repatriierung: ein Fläschchen Rotwein, Baguette, ein Camembert, so groß wie ein Wagenrad, diverse Pasteten ("Gib mir noch mal die Schweinskopfsülze rüber, Claude").

Wir kennen die Verneuils (gespielt von Christian Clavier und Chantal Lauby), diese extrem bürgerlichen, extrem katholischen Menschen, Bewohner eines Loire-Schlösschens, bereits aus dem Vorgängerfilm Monsieur Claude und seine Töchter. In der Komödie heiraten die vier Töchter allesamt Ehemänner mit Migrationshintergrund: einen Rechtsanwalt algerischer Herkunft, einen aus China stammenden Banker, einen Schauspieler von der Elfenbeinküste und einen jüdischen Geschäftsmann – was dem Notar und Patriarchen gar nicht passt ("Das ist kein Familientreffen, sondern eine Antirassismuskonferenz!"). Die Folge ist eine Kaskade von amüsanten Finten, semirassistischen Witzen und naivem Patriotismus, die in Frankreich 13 Millionen Zuschauer ins Kino zog, in Deutschland 3,9 Millionen. Seit Jahresbeginn läuft nun die Fortsetzung mit enormem Erfolg in Frankreich. Deshalb treffen wir in Berlin den Mann, der die Franzosen in diesen Zeiten zumindest im Kino eint: Philippe de Chauveron.

Irgendwie hatte man sich den Regisseur von globalen Komödienhits raumgreifend vorgestellt. Aber der dreiundfünfzigjährige de Chauveron – er trägt Jeansjacke und Turnschuhe – wirkt zurückhaltend, fast melancholisch. Er redet so leise, dass das Aufnahmegerät kaum ausschlägt. Der Erfolg seines neuen Films steht natürlich feist im Raum, und darauf angesprochen zieht de Chauveron mit jungenhaftem Stolz sein Smartphone hervor. Auf dem Display die SMS seines französischen Verleihers: "Wir sind kurz vor der Sechs-Millionen-Zuschauer-Marke."

Der Filmregisseur Philippe de Chauveron © Bertrand Guay/AFP/Getty Images

Der Twist des neuen Films: Die Verneuil-Schwiegersöhne sind genervt von Frankreich. Sie wollen das Land mit ihren Ehefrauen verlassen und in ihre Heimatländer auswandern. Also wird geschimpft: über die französische Bürokratie, über das verschmutzte Paris, über die hohen Steuern, darüber, dass "hier eh alles den Bach runtergeht". Kurz: Der Film erzählt am Puls der französischen Gegenwart. "Seit dem ersten Teil hat sich die politische Situation in Frankreich sehr verändert", sagt de Chauveron. "Es gab Attentate, Regierungswechsel, es gibt die Revolte der Gelbwesten. Zwar habe ich den Film vorher geschrieben, doch scheint er eine gewisse Paranoia vorwegzunehmen. Und eine jahrzehntelange Unzufriedenheit, die sich nun plötzlich entlädt."

Philippe de Chauveron ist in Paris aufgewachsen und hat dort an der Filmhochschule studiert: "Ich bin Pariser mit Leib und Seele." Weshalb macht er die Provinz zum Zentrum seines Komödienuniversums? Weil er nicht von einer Stadt, sondern vom ganzen Land sprechen wolle, sagt er. "Die Bankfiliale, die für immer schließt, die Menschen, die die Provinz verlassen, Städte und Dörfer, die sich entleeren – das war letztlich der Ausgangspunkt der Gelbwesten. Diese französische Krise ist auch eine Krise der kleinen Provinzstädte."

In Monsieur Claude 2 zitiert die Notarsgattin Anne Verneuil den populären Reiseautor Sylvain Tesson: "Frankreich ist ein Paradies, bevölkert von Menschen, die sich in der Hölle glauben." De Chauverons Film setzt dagegen ein therapeutisches Programm. Wie ein Wilder versucht der patriotische Notar Verneuil, gerade pensioniert, den Exodus der Verwandtschaft zu verhindern: mit gesponserten Erste-Klasse-Reisen im Schnellzug, mit gekauften Rollenangeboten ("endlich ein schwarzer Othello") und anderen Tricksereien. De Chauveron erzählt das mal lustig, mal holprig und redundant. Überhaupt hat sein Film in der zweiten Hälfte sehr viel Leerlauf. Das Geheimnis des Erfolges von Monsieur Claude 2 kann nicht in dieser Geschichte liegen. Eher in dem Gefühl, dass der Held Claude Verneuil jederzeit mit einem süßlich bösartigen Louis-de-Funès-Lächeln eine Bemerkung über die Herkunftsländer seiner Schwiegersöhne raushauen kann. Etwa über Israel ("diese Durchsuchungen am Flughafen, ich dachte schon, die wollen mich beschneiden") oder die Elfenbeinküste ("der Kolonialismus war nicht nur schlecht, zumindest was die Architektur da unten betrifft"). Wie auch im ersten Teil ist die Grenze zwischen Klischee und rassistischem Stereotyp fließend, der Film fühlt sich wohl in diesem Zwischenbereich. "Ich liebe lebendige Klischees. Stereotype hingegen sind leblos", sagt de Chauveron. Und dann spricht er über den großen Komödianten Louis de Funès, der keine Angst vor solchen Grenzen gehabt habe. "Sein ganzes Leben lang hat de Funès lächerliche, geizige, hinterfotzige, ein bisschen rassistische und sexistische Figuren gespielt. Die Leute liebten ihn dafür. Und ich auch." Während er so schwärmt, fragt man sich, ob sich das Publikum einfach wieder nach jener maliziösen Selbstverständlichkeit sehnt, mit der de Funès 1972 in Die Abenteuer des Rabbi Jacob seine Schläfenlocken als Blinker aus dem Citroën 2 CV streckte.

Und wo verläuft noch mal die Grenze zwischen lustigem Klischee und rassistischem Stereotyp? De Chauveron sieht sich zu einem kleinen Plädoyer in eigener Sache genötigt: "Ich stamme aus einer katholischen Familie mit vier Brüdern. Ich bin mit einer schwarzen Muslimin verheiratet, und einer meiner Brüder lebt mit einer muslimischen Algerierin zusammen. Es ist völlig normal, dass wir übereinander Witze reißen. Im wirklichen Leben verarschen sich die Leute doch auch gegenseitig im Café, auf dem Bau, im Büro. Sie sollen sich in meinem Film wiedererkennen." Übrigens gebe es wohl deshalb so viele Filme mit ausschließlich weißem Personal, weil die Filmemacher Angst hätten, in rassistische Fettnäpfchen zu treten.

In der ersten Komödie aus dem Jahr 2014 führte der Einfluss des "Fremden" zur Restauration eines heilen, patriarchalen Frankreichs, seiner generationsmäßigen und Gender-bestimmten Hierarchien. Das ist im neuen Film nicht anders. Am Ende stoßen die Schwiegersöhne vereint auf die neue, alte Heimat an, "das schönste Geschenk der Welt". Als sich die vier in ihrer neu gegründeten Firma (ein Flop natürlich) in Paris treffen, fährt die Kamera schwelgerisch über den Hintern der Assistentin. De Chauveron kann nicht verstehen, weshalb man mit der Einstellung ein Problem hat. "Es ist doch so, dass einer der Männer ihr nachschaut. Und dann muss die Kamera auch zeigen, was er sieht." Wahrscheinlich, und das schreibt sich ohne Nebengedanken über den Regisseur ohne Nebengedanken, ist seine Blauäugigkeit der Schlüssel zum Erfolg.