Am Anfang Schläge wie Einschläge, aus finsterem Brüten. Mit vier Takten ist der Grundton gesetzt, der den Hörer durch die folgenden 22 CDs begleiten wird. Er ist nie heiter, auch später bei Mozart nicht, nicht einmal bei Richard Strauss’ Till Eulenspiegels lustigen Streichen, nie. Dieses erste Stück ist kein Beethoven, Bruckner oder Brahms, es ist Furtwänglers eigenes Symphonisches Konzert mit dem immer noblen Schweizer Pianisten Edwin Fischer. Furtwängler sah sich selbst vor allem als Komponist, noch als ihn die Welt als Über-Dirigenten pries. "Schwer", überschrieb er den ersten Satz seines ausufernden, am Ende sich seltsam verlierenden Klavierkonzerts, und so hieß übrigens auch die damals für Furtwängler-Musik zuständige Abteilung des Reichsrundfunks: "Schwere Musik".

Der Grundton also ist tragisch, und es ist kaum möglich, sich dem zu entziehen. Die Edition, die der Regisseur und Autor Eric Schulz für das Philharmoniker-eigene Label konzipiert hat, bringt mit der Akribie historischer Wissenschaft zusammen, was zwischen 1939 und 1945 aus Berlin von Furtwängler und den Berliner Philharmonikern ins Reich gesendet wurde, Sonntagabend, 18.10 Uhr. Seit 1941 ließen sich ganze Konzerte auf Tonband mitschneiden. Was davon im Reichsrundfunkarchiv landete, wurde 1947 nach Russland verbracht. Gelegentlich erschienen Furtwängler-Platten auf dem Sowjetlabel Melodya, oft von Kopien der Kopien und mit Kunsthall versetzt. Erst 1990 kamen die "Russenbänder" zurück nach Berlin.

Nichts von alledem erklingt also zum ersten Mal, und doch war es so noch nie zu hören. Was einst übersteuerte, tönt immer noch verzerrt, weil Furtwängler nicht der Mann war, der auf die dynamischen Grenzen eines Mikrofons Rücksicht nahm, wenn es darum ging, Beethoven und Brahms als musikalische Grenzerfahrungen auszureizen. Seine Fortissimi waren nichts für die Konserve, sie sind auch mit allen Finessen digitaler Analyse kaum zu retten: unscharfe Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Vulkanausbrüchen. Dafür ist der Gewinn an Präsenz und Differenzierung im Leisen und in den mittleren Lautstärken verblüffend. Die verlorene Streicherlinie am Ende von Schuberts Unvollendeter, aufgenommen am 12. Dezember 1944 im Admiralspalast, als die alte Philharmonie an der Bernburger Straße schon in Trümmern lag: ein fadendünnes Fast-Nichts, aber gespielt, als hinge alles daran; die letzten behutsamsten Tontupfer, mit denen Beethoven sein Coriolan-Drama nach Sturmgewalten sich im Dunkel verlieren lässt; ein ins körperlich Bedrohliche wachsendes Geister-Tremolo in der Freischütz-Ouvertüre.

Hunderte Beispiele: Hier wurde ganze Bergungsarbeit geleistet. Diese Radio Recordings sind eine Flaschenpost aus anderer Zeit, und die technische Aufbereitung, auf Basis der besten verfügbaren Quellen, macht ihre historischen Kontexte auf bestürzende Weise erlebbar. Ans Licht kommt eine Intensität des Musikmachens, die uns fremd ist, ja vor der man sich manchmal schützen möchte: Klingt so der Krieg? Der Fokus der Edition auf Furtwänglers Arbeit mit den Philharmonikern in den Jahren 1939 bis 1945 legt die Frage nahe, und sie verstört.

Als in der vergangenen Woche an den großen Dirigenten Michael Gielen erinnert wurde, war gelegentlich auch von der Begegnung des jungen Gielen mit dem alten Furtwängler nach dem Krieg in Buenos Aires zu lesen, wo er bei einer Matthäus-Passion assistierte. Wie schleppend und stilistisch hoffnungslos überholt er die Bach-Auffassung Furtwänglers fand – und wie überwältigend. So gesehen handelt es sich bei den restaurierten Kriegsaufnahmen um brisanten Stoff. Bruckners Fünfte etwa, mitgeschnitten Ende Oktober 1942, die mysteriösen Reibungen des Beginns, das unendliche Strömen im Adagio: Solches Singen eines Riesenorchesters auf einem langen Atem hat enormes Überwältigungspotenzial. Was der Kritiker Joachim Kaiser in einer riskanten Formulierung meinte, als er Furtwängler den "vermutlich genialsten Dirigenten aller Zeiten" nannte, gar den "größten Interpreten, der je gelebt hat" – gerade in diesen Mitschnitten ist das zu hören. Als in Berlin noch im Winter 1944/45 Beethoven gespielt wurde, zwischen Trümmern, in der Mitte einer untergehenden Welt. Auch der Finalsatz von Brahms’ Vierter hat sich erhalten, am Schluss von Furtwänglers letztem Berliner Kriegskonzert, das wegen der abendlichen Fliegerangriffe am Nachmittag des 23. Januar 1945 stattfand. Die Philharmoniker spielen, nach Unterbrechung wegen Stromausfalls, wie in Trance, und wie sie Furtwänglers nervösen Tempowechseln auf kleinstem Raum folgen, kann man gespenstisch finden, ein erschütterndes Dokument aus Wut und Angst. Die Menschen im ungeheizten Admiralspalast wussten, was ihnen die Stunde geschlagen hatte.

Wir haben uns daran gewöhnt, den Dirigenten Furtwängler vor allem als den "Fall" eines Künstlers zu sehen, der, weltfremd und überheblich, versuchte, mit den Teufeln zu tanzen, mit Hitler, Goebbels, Göring, die ihn verehrten und instrumentalisierten; und der sein Bleiben in Deutschland vermutlich wirklich für einen Akt des Widerstands hielt. An Furtwängler lassen sich die Verstrickungsverhältnisse von Kunst und Politik diskutieren. So ergiebig, dass die Moralfragen sich gelegentlich vor die Musik schieben. Die Edition der Radio Recordings ist ein starkes Plädoyer, wieder zuzuhören. Die Flaschenpost zu öffnen und sich einem Pathos auszusetzen, das sich nicht einfach als hohl wegfächeln lässt. Wirklich schwere Musik eben.

Berliner Philharmoniker, Wilhelm Furtwängler: The Radio Recordings 1939–1945 (Berliner Philharmoniker Recordings, 22 Super-Audio-CDs)