Wenn ein Lehrer seinen eigenen Schüler bei der Polizei anzeigt, ist das ein Zeichen dafür, dass die Ordnung an einer Schule durcheinandergeraten ist. Dass Pädagogik – die Kunst, jungen Menschen den richtigen Weg zu weisen – offensichtlich an eine Grenze gekommen ist.

Ein Dienstagmorgen im vergangenen Oktober: Arne Prinz (Name geändert), 28, Lehrer für "Farbtechnik und Raumgestaltung", bereitet gerade den Unterricht an der Berufsbildenden Schule Gutjahr vor, im Plattenbaugebiet in Halle-Neustadt. Die Klasse ist fast vollzählig, als ein letzter Schüler verspätet den Raum betritt – und von einem Klassenkameraden mit einem besonderen Spruch begrüßt wird.

Der 18-Jährige ruft: "Sieg Heil!" Den rechten Arm hebt er zum Hitlergruß.

"Ich weiß noch, wie ich in diesem Moment zusammenzuckte", sagt Arne Prinz, der Lehrer, der in der Zeitung anonym bleiben will. Er habe sich den 18-Jährigen geschnappt, sei mit ihm zum Schulleiter gegangen. Noch am gleichen Tag habe er den Schüler angezeigt. "Ich fand es unerträglich", sagt er.

Der Fall um Arne Prinz und seinen Schüler – er hat in den vergangenen Tagen deutschlandweit Schlagzeilen gemacht. Weil Prinz im März 2019, Monate nach seiner Anzeige, Post von der Staatsanwaltschaft bekommen hat. Die Ermittler schreiben ihm: "Sie hatten angezeigt, dass der Schüler vor Beginn des Unterrichts ... den Hitlergruß gezeigt und die Worte 'Sieg Heil' geäußert habe."

Die Ermittler schreiben auch: Das Verfahren sei eingestellt.

Denn strafbar sei das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen nur, wenn man "solche Kennzeichen öffentlich verwendet", sichtbar für viele Menschen. Das sei "bei Äußerungen in schulischen Unterrichtsräumen, auch bei geöffneter Tür, regelmäßig nicht der Fall".

Was, fragt Arne Prinz, solle das bedeuten: Dass man den Hitlergruß zeigen darf, solange weniger als 30 Leute zugegen sind? Der Lehrer ärgerte sich über den Brief des Staatsanwalts. So sehr, dass er ihn anonymisiert ins Internet stellte.

Dort entdeckten ihn, natürlich, Journalisten. Weshalb nun die halbe Republik über Arne Prinz, den Schüler und den Hitlergruß debattiert: Wird da wieder einmal die rechtsextreme Gefahr im Osten relativiert? Oder wurde ein Dummejungenstreich zum Fall für die Justiz gemacht, obwohl er eher ein Fall für einen Projekttag gewesen wäre; für eine ausführliche Stunde Demokratiekunde und Geschichtsunterricht?

In jedem Fall wird längst auch politisch gestritten: Marco Tullner (CDU), Sachsen-Anhalts Kultusminister, unterstützte Arne Prinz, den Lehrer. Es müsse Grenzen an einer Schule geben. "Wenn bestehende Gesetze dies nicht unmissverständlich abbilden, müssen diese Gesetze geändert werden", sagte Tullner. Eine wehrhafte Demokratie müsse wachsam sein.

Ganz anders sah das Tullners Parteifreundin Annemarie Keding, die Justizministerin: "Die Schule hat ja Möglichkeiten, zu reagieren", sagte Keding im MDR. Diese Sache sei keine für die Justiz – sondern eine für die Hausordnung der Schule. Und überhaupt: Verfügten nicht auch die Pädagogen über wirksame Mittel, den Schulverweis zum Beispiel?

Man muss diese Frage mit zu Rüdiger Bauch nehmen, dem Leiter der Berufsbildenden Schule Gutjahr. Bauch, 52 Jahre alt, ein sportlicher Mann mit blauem Sakko, hat ein Schlüsselband in Deutschlandfarben bei sich. Denn Patriotismus ist okay – aber kein Extremismus. Bauch hat seinen Lehrer bei der Anzeige unterstützt. Und er sagt: Es gebe eben Probleme an einer Schule, die könne nur der Staat lösen – nicht ein Pädagoge. Weil sie die Gesellschaft beträfen und nicht nur einen Klassenraum. "Ich würde meinem Lehrer auch beim nächsten Mal wieder raten, so ein Ereignis anzuzeigen", sagt Bauch. "Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, an einer Schule könne man tun und lassen, was man will. Wir decken so ein Verhalten nicht. Wir gehen dagegen vor!"

Der Schüler, der den Hitlergruß gezeigt habe, sei zuvor nicht auffällig gewesen, sagt Bauch. Er mache eine Lehre zum Fahrzeuglackierer. Die Vernehmung durch die Polizei, so erinnert sich Bauch, habe dem jungen Mann sichtlich zugesetzt; er sei sich der Tragweite seiner Handlung nicht bewusst gewesen. Aber er sei eben auch fast erwachsen. Und Erwachsenen müsse man klar zeigen, dass ihr Handeln Konsequenzen habe.

Man sollte sich die Struktur seiner Schülerschaft anschauen. Wer an einer Berufsschule wie der Gutjahr lernt, strebt meist einen bodenständigen Beruf an, wird Dachdecker, Maler oder Mechaniker. Junge Leute aus 31 Nationen besuchen den Unterricht. Mehr als 2100 der 2300 Schüler der Gutjahr sind männlich, Rüdiger Bauch weiß die Zahl der Frauen, die hier lernen, sogar auswendig: 184.

Wo viel Testosteron ist, sind manche Probleme nicht weit. Man sieht sie, auch an diesem Ort. Da finden sich Hooligan-Aufkleber auf der Toilette. Da stehen Schüler auf dem Gang mit Kleidung, die eher dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen ist. Dann, sagt Schulleiter Bauch, sei da noch die Sache mit dem Hakenkreuz-Tattoo.
Die Sache mit dem Hakenkreuz-Tattoo?