Wenn der wichtigste Literaturpreis des Frühjahrs ein nationales Fieberthermometer wäre, müsste man sich Sorgen machen. Der Roman, der in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, ist ein beherzt (früher nannte man diesen robusten Magazin-Stil "flott") erzähltes Befindlichkeitsprotokoll einer in Berlin-Prenzlauer Berg lebenden und aus dem Schwäbischen stammenden Autorin, die über die Abstiegsängste einer in Prenzlauer Berg lebenden und aus dem Schwäbischen stammenden Autorin berichtet. Im Epizentrum des Buches arbeitet eine schwäbische Häuslebauer-Gruppe, die sich im Berliner Szeneviertel ihren vanillefarbenen Traum vom Eigenheim erfüllt hat, an der sozialen Demontage der Erzählerin, die es sich durch ihre frechen, schonungslosen Texte über schwäbische Häuslebauer mit ihren schwäbischen Häuslebauer-Freunden verscherzt hat und deswegen als Untermieterin einer schönen Wohnung mit Altberliner Heile-Welt-Miete samt ihren vier Kindern auf die Straße gesetzt wird. Das ist natürlich schlimm, keine Frage.

Formal gibt sich der Text als Wut- und Aufklärungsrede der aus dem Szenebezirk vertriebenen Autorin an die 14-jährige Tochter, die nach dem Vorbild ihrer schlauen Mutter die materiellen Grundlagen des schwäbischen Baugruppenglücks und die dazugehörige "neoliberale Gehirnwäsche" kritisch durchleuchten können soll. In der "soziologischen Genauigkeit" (Juryvorsitzender Jens Bisky in der SZ), mit der die Autorin die aktuellen Schicksalsfragen des neubürgerlichen Berliner Kreativmilieus (Eigentumswohnung, begehbarerer Kleiderschrank, Herbstferien auf Mallorca) aufs Korn nimmt, darf man das Motiv vermuten, das die Leipziger Jury verleitet haben mag, den literarisch unbedarften Roman, der im Wesentlichen davon handelt, ob 40-Jährige sich von ihren Eltern eine schöne Eigentumswohnung im Stadtzentrum kaufen lassen können, als den besten seines Jahrgangs auszuzeichnen.

Ein anderer als der vulgärsoziologische Grund scheidet eigentlich aus, zumal die Erzählerin selbst jede anspruchsvolle Literarizität als unangemessen (vermutlich ebenfalls neubürgerlich) verwirft und ihre Tonlage explizit den Niederungen des "alltäglichen Wahnsinns von Kinderhaben zwischen den Anforderungen der Arbeitswelt und den Unwägbarkeiten der Kitabetreuung" (taz) anpasst. Sie werde sich, schreibt sie, "die Wahl ihrer Stilmittel" von niemandem "diktieren lassen", denn diese sollten zur hier beschriebenen "Welt der Brotboxen und Doodlelisten, Kontoauszüge und Komposteimer, Adventskalender und Läusemails" passen. Man könnte diese selbstbewusste antiliterarische Maxime den Bitterfelder Weg der Prenzlauer-Berg-Mütter nennen – in Anspielung auf die Bitterfelder Schriftsteller-Konferenzen, die in den Sechzigerjahren forderten, dass die DDR-Literatur sich an den Ansprüchen des Arbeiter-und-Bauern-Staats zu orientieren habe.

Außer für ihre populäre Gesinnungsästhetik lobt die Erzählerin sich auch für ihre staunenswerte sozialdiagnostische Hellsicht über den grünen Klee, die sie ähnlich wie ihre französischen Kollegen Édouard Louis und Didier Eribon ihrer Herkunft aus einfachen Verhältnissen verdanken will. Im Kosmos der höheren alternativen Stände von Prenzlauer Berg ist sie die einzige Jeanne d’Arc, die den Verblendeten furchtlos die Stirn bietet und deren verlogene "Inszenierung von einem bunten, aufgeklärten Miteinander" entlarvt.

Das Klassenproblem, das hinter ihrer Wohnungsmisere steckt und das sie leidensstolz ausmalt, begann angeblich schon in ihrem schwäbischen Elternhaus, das nicht mit Terrakottafliesen, sondern nur mit PVC ausgelegt war und in dem sie auch keinen Klavier- und Geigen-, sondern leider nur Blockflötenunterricht erhalten hat. Es vertiefte sich bedrohlich weiter, als die Mutter der Erzählerin nicht mehr in die standesgemäßen Kleidergrößen passte, und gipfelte darin, dass der Tochter die Mittel für den Erwerb einer Wohnung in Prenzlauer Berg fehlten, weshalb die Familie nun in eine Wohnung "außerhalb des Berliner S-Bahn-Rings", womöglich sogar in Marzahn mit seinen "Brennpunktschulen" ausweichen muss, obwohl sie sich dem Prenzlauer-Berg-Milieu zugehörig fühlt und noch gestern mit "antiken Kristallgläsern" auf die neue Eigentumswohnung der schwäbischen Bobo-Freunde angestoßen hat. All das ist zutiefst bedauerlich, doch sind es nicht die "feinen Unterschiede" zwischen den Klassen, von denen Pierre Bourdieu geschrieben hat, sondern die allerfeinsten Unterschiede einer Abstiegsangst-Debatte, die die Berliner Boheme mit sich selbst führt, ohne besonders weit über die Ränder ihrer Kristallkelche hinauszusehen.

Zugegebenermaßen ist die schlaue Erzählerin auch noch so superschlau, dass sie die Möglichkeit mitbedenkt, hier auf höchstem Niveau zu klagen. Es könnte schließlich sein, dass sie ihre wutbürgerliche Suada nur deswegen schreibt, weil sie a) die urbanen Wohlstandsbürger am liebsten enterben oder b) selber eine urbane Wohlstandsbürgerin sein und c) in den Herbstferien ebenfalls ans Mittelmeer fahren will. Das alles bleibt in der Schwebe. Auch, ob und wie man die Gentrifizierung in Prenzlauer Berg und sonst auf der Welt jemals wieder rückgängig machen und das tatsächlich unmöglich gewordene Leben für vielköpfige Mittelstandsfamilien im Zentrum der westlichen Metropolen erleichtern könnte. Am Ende wohnt die bedauernswerte Künstlerin jedenfalls in Berlin-Ahrensfelde, im Höllenkreis "jenseits des S-Bahn-Rings", wo "übergewichtige, in Polyester mit Aufdruck gekleidete Leute ihre Kinder im Buggy Red-Bull-Imitate trinken lassen" – und bekommt für die sozial engagierte Beschreibung solchen Elends, die "wehtun will und wehtun muss" (Leipziger Jury), immerhin einen Literaturpreis.

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen.
Roman; Verbrecher Verlag, Berlin 2018; 266 S., 22,– €, als E-Book 14,99 €