Das Einsatzgebiet von Natalie Martin ist mit 1,8 Quadratkilometern das zweitkleinste der Stadt und trotzdem immer wieder in den Schlagzeilen: Die Innenbehörde hat gerade beschlossen, den zentralen Ort des Viertels, den Hansaplatz, mit 16 Kameras überwachen zu lassen, um der Dealer und der Gewalt endlich Herr zu werden. Im vergangenen Jahr zählten die Polizeistatistiker hier 20.047 Straftaten, fast 900 mehr als im Vorjahr. Das Bahnhofsviertel St. Georg ist damit wieder Spitzenreiter, klar vor St. Pauli.

Um 9 Uhr morgens, nach einem schnellen Kaffee im Büro, macht sich Natalie Martin auf den Weg. Unterwegs zu sein, das ist ihr Job. Sie ist Stadtteilpolizistin im Polizeikommissariat 11 oder in der Sprache ihres Arbeitgebers eine "Besondere Fußstreife". Jeden Tag, an dem sie im Dienst ist, läuft sie entweder allein oder mit einem Kollegen ihr Revier ab, Straße für Straße. An diesem Tag geht es raus aus dem Hintereingang der Wache am Steindamm, vorbei an einem Pulk rauchender Kollegen. Martin atmet kurz durch, dann erzählt sie.

Seit 1991 ist sie Polizistin, seit 2000 in St. Georg. Zunächst bei der sogenannten Drogenpräsenz. Entweder spähte sie in Zivil Dealer aus. Oder sie zog sich die Uniform über, um Observierte festzunehmen. Was sie dabei gelernt hat? Einen Blick für Menschen, sagt Martin. Vor drei Jahren wechselte sie zur Fußstreife. Das hatte sie sich jahrelang gewünscht. "Nicht jedermanns Sache", sagt sie. "Sobald man losläuft, wird man in Gespräche verwickelt. Aber ich liebe das. Ich hoffe, dass ich auf diese Weise etwas ändern kann."

Ihre Route führt heute zuerst die Lindenstraße hinunter nach Süden. Der Rundgang ist wie eine Besuchstour. Martin hält Pläuschchen mit alten Bekannten. Solchen, die sonst nicht viel Besuch empfangen. Einen Mann im Rollstuhl fragt sie, wie es dem bösen Bein gehe. Einen anderen, ob er mal was von der Familie gehört habe. Überall in den Hauseingängen liegen Schlafsäcke, unter den Brücken sind Zelte aufgebaut, provisorische Behausungen. Wenn Martin ein großes Bündel in einem Eingang liegen sieht, geht sie hin und rüttelt. "Alles in Ordnung bei Ihnen?" Im Winter erfrieren die Leute in solchen Lagern. Im Sommer sterben sie an der Hitze. Natalie Martin hat auch schon Obdachlose in Mülltonnen schlafend gefunden, kurz bevor die Müllabfuhr kam. Seitdem achtet sie auch darauf: Wenn neben einer großen Rolltonne Müll liegt, kann es sein, dass sich in der Tonne jemand verkrochen hat. "Ich frage mich wieder und wieder, was einem Menschen passieren muss, dass er das alles in Kauf nimmt", sagt sie. "Das sind ja nicht nur Papiertonnen. Die Leute schlafen auch im Hausmüll."

Ihr Telefon klingelt: Ein Kollege hat einen orientierungslosen Mann entdeckt

Zu St. Georg gehört auch die Lange Reihe mit ihren Bars und Restaurants. Das St. Georg, in dem Natalie Martin unterwegs ist, liegt auf der anderen Seite des Steindamms, rund um den Zentralen Omnibusbahnhof. Wo Menschen in kleinen Grüppchen stehen, die offenkundig nicht vorhaben, in einen der Flixbusse zu steigen. Sie halten sich an Bierflaschen fest, lachen und schreien, schubsen und schlagen. Die Drogenabhängigen, die sich noch ein bisschen nachhaltiger betäuben möchten, müssen nur kurz durch einen kleinen Park und über die nächste Straße. Dort, beim Drob Inn, gibt es einen Konsumraum für die harten Sachen.

Hamburg ist neben Frankfurt am Main die einzige Stadt in Deutschland, in der es eine Crackszene gibt. Die meisten Süchtigen sind in St. Georg. Martin scheint all die Abgehängten, die Junkies, die Alkoholiker, die Draußenschläfer persönlich zu kennen. "Na, neue Hose?", fragt sie einen Mann in heller Jeans, der unter einer Brücke ihren Weg kreuzt. "Ach, hallo! Ja, von der Kleiderkammer." – "Und sonst alles gut?" – "Na ja, der Bauch tut weh, die Leber." – "Passen Sie auf sich auf, und sagen Sie mir Bescheid, wenn ich was tun kann. Meine Karte haben Sie noch?"

Auf ihrer Visitenkarte steht die Handynummer gleich unter dem silbernen Polizeistern. Ihr Telefon ist nicht flach und smart, sondern schwarz und klobig und immer in Griffnähe. In diesem Moment klingelt es wieder. "Ja", sagt sie, "ich komme." Ihr Kollege, der Stadtteilpolizist Bernhard Schultz, hat am Bahnhof einen orientierungslosen Mann angehalten, der kein Deutsch versteht. Schultz wartet mit ihm am Herz Ass, einer Tagesstätte für Wohnungslose im Münzviertel, ein paar Schritte hinterm Bahnhof. Dort gibt es Mittagessen für die, die auf der Straße leben. Und eine Postadresse, eine letzte Verbindung zum bürgerlichen Rest der Welt. Der Mann tritt von einem Bein auf das andere, zittert. Er trägt ausgelatschte, weiße Slipper, die viel zu dünn für das kühle Wetter sind. Seine Kleidung ist grau von Staub. Wenn er spricht, klingt es nach Bulgarisch. Natalie Martin greift zum Telefon. Sie kennt jemanden, der übersetzen kann. Gleich kommt Hilfe. Und vorher gibt es Kartoffelsuppe.