An einem heißen Nachmittag im Oktober 1971 kommt es in der Nähe von Chimala im Süden Tansanias zu einer denkwürdigen Begegnung. Ein Team chinesischer und tansanischer Arbeiter, das Gleise für eine Eisenbahn von der Hauptstadt Daressalam in den sambischen Kupfergürtel verlegt, stößt auf eine von Amerikanern geleitete Gruppe, die eine Teerstraße baut – ebenfalls von Tansania nach Sambia.

Es ist kein friedliches Zusammentreffen. Die Chinesen hätten die Amerikaner bedrängt, berichtet das US-Magazin Newsweek. Anderen Augenzeugen zufolge ging die Aggression von den Amerikanern aus, die Messmarkierungen auf den frisch errichteten Bahndämmen der Chinesen platziert hätten. Jedenfalls muss die tansanische Polizei einschreiten, um den Streit zu schlichten.

So skurril der Vorfall anmutet – dass Amerikaner und Chinesen in Ostafrika aneinandergerieten, war in Zeiten des Kalten Krieges von hoher Symbolkraft. Hier die "kapitalistische Schnellstraße", dort die "sozialistische Eisenbahn": Im dünn besiedelten tansanischen Hinterland kamen sich 1971 zwei Prinzipien in die Quere, zwei konkurrierende Vorstellungen von Entwicklung. Auf der einen Seite ein Straßenprojekt, das privatwirtschaftlichen Unternehmungen den Weg ebnen sollte, auf der anderen ein staatlich beaufsichtigtes Infrastrukturprojekt.

Die Tazara (benannt nach dem Kurznamen ihres Betreibers, der Tanzania–Zambia Railway Authority) sollte der Region nicht weniger bringen als Unabhängigkeit und Freiheit. Sie bot dem von Land umschlossenen Sambia einen Zugang zum Meer und löste es dadurch beim Export seiner Kupfervorkommen aus der Abhängigkeit von den Bahnen und Häfen Rhodesiens, Angolas und Südafrikas. In allen drei Staaten unterdrückten von Weißen geführte Regime die schwarze Bevölkerungsmehrheit: Das Akronym Tazara stand daher nicht zuletzt für den Kampf gegen die Apartheid; die Bahnstrecke wurde zu einem Wahrzeichen der revolutionären Solidarität und des Widerstandes gegen die finsteren Kräfte des Kolonialismus, Neokolonialismus und Imperialismus.

Rund 50 Jahre später ist China nicht mehr nur im Osten Afrikas präsent. Quer durch den Kontinent beteiligt sich das Land am Bau und Betrieb von Regierungsgebäuden, Fußballstadien, Zugstrecken, Flughäfen, Kasernen und Raffinerien. In mehreren Staaten, etwa in Sambia, Äthiopien und Ghana, wurden mit chinesischer Hilfe Staudämme errichtet. In Nairobi entsteht derzeit, von China finanziert, das höchste Gebäude des Kontinents, die Pinnacle Towers. Auch als Absatzmarkt für chinesische Waren wird Afrika immer wichtiger. Vor allem aber dient der Kontinent China als Quelle dringend benötigter Rohstoffe. Auf dem China-Afrika-Kooperationsforum im vergangenen September hat Staatspräsident Xi Jinping weitere Investitionen in Höhe von 60 Milliarden Dollar zugesagt. Der Bau der Tazara-Bahn gehört zur Vorgeschichte dieses Engagements – lange bevor sich die chinesische Führung für ökonomische Reformen öffnete und die Volksrepublik zu einem Mitspieler auf den globalisierten Märkten des 21. Jahrhunderts aufstieg.

Bereits Mitte der Sechzigerjahre entsteht der Plan für eine Bahnstrecke von Tansania nach Sambia. Das tansanische Festland, das bis 1919 Teil der deutschen Kolonie Ostafrika war, stand bis 1960 unter britischer Verwaltung. 1964 vereinigt es sich mit der Insel Sansibar zum unabhängigen Staat Tansania. Im selben Jahr erlangt Sambia, das ehemalige Nordrhodesien, seine Unabhängigkeit. Die neue Strecke soll, wie Sambias Präsident Kenneth Kaunda es formuliert, der "Balkanisierung" Afrikas entgegenwirken und kolonial gesetzte Grenzen überwinden.

Zunächst bemühen sich Kaunda und sein tansanischer Kollege Julius Nyerere um westliche Geldgeber. Doch weder die Weltbank noch die Vereinten Nationen zeigen Interesse. Das Projekt sei schwer zu verwirklichen und wirtschaftlich auf längere Sicht nicht rentabel. China dagegen wittert seine Chance: Mit der Tazara-Bahn will Peking den "Hegemonismus" und "Neoimperialismus" gleich zweier konkurrierender Supermächte durchkreuzen, der USA und der Sowjetunion, und selbst als Supermacht anerkannt werden.

Das antikoloniale Pathos dient als ideologischer Kitt. China und seine "Brüder" in der Dritten Welt seien verbunden durch eine gemeinsame Geschichte als Opfer imperialer Eroberung und Kolonisierung. "Die Armen helfen den Armen": So versucht die chinesische Führung den afrikanischen Staaten gegenüber zwei widersprüchliche Identitäten zu vereinen – die des ehemals kolonisierten Landes und die des neuen, machtvollen Akteurs im Kalten Krieg.