Seit Schüler freitags statt in den Unterricht fürs Klima auf die Straße gehen, wird in der Öffentlichkeit viel über sie geurteilt. Während mancher Kommentator in Zeitungen und sozialen Medien sie als "die Stimme einer ganzen Generation" überhöht, sprechen andere abschätzig von einer kleinen Gruppe "verwöhnter Bürgerkinder".

Letzteren scheint nun eine neue Studie recht zu geben, zumindest auf den ersten Blick: Forscher erhoben dafür Daten von Teilnehmern der "Fridays for Future"-Proteste in acht verschiedenen Ländern und elf Städten. Zu den Autoren der Studie gehört der renommierte deutsche Protestforscher Dieter Rucht, finanziert wurde sie von der Otto-Brenner- sowie der Heinrich-Böll-Stiftung. In Deutschland befragten die Wissenschaftler Demonstranten in Bremen und Berlin unter anderem zu ihrem sozioökonomischen Hintergrund, der politischen Einstellung, zu dem Vertrauen in Institutionen und ihren Erfahrungen mit Protesten. Am Dienstag wurden erste Ergebnisse veröffentlicht.

Die allermeisten der befragten Demonstranten – rund 70 Prozent – ordnen sich demnach der Mittelschicht zu, weitere knapp drei Prozent sogar der Oberschicht. Nicht einmal fünf Prozent gaben an, zur Arbeiterschicht zu gehören. Zwar passieren bei einer solchen Selbsteinschätzung auch leicht Fehler. Jemand, der mit wenig Einkommen aufwächst, kann sich fälschlicherweise als Teil der ökonomischen Mitte einschätzen und umgekehrt. Betrachtet man allerdings die Abschlüsse der Eltern, deutet auch dies darauf hin, dass viele bessergestellt sind: Mehr als 50 Prozent der Väter haben einen Hochschulabschluss, knapp 50 Prozent der Mütter ebenfalls. Mit den Worten des Protestforschers Rucht: "Einen Querschnitt der Bevölkerung findet man bei den Klimastreiks nicht."

Auch politisch scheinen die Befragten das Vorurteil zu bestätigen: Insgesamt 36 Prozent nannten als präferierte Partei die Grünen. Ein deutlich kleinerer Teil, rund 12 Prozent, die Linke. Alle anderen Parteien schafften nicht einmal die Fünf-Prozent-Hürde: Die SPD nannten 3,2 Prozent, die CDU 1,5 und die FDP fiel gleich ganz aus der Tabelle raus.

Nun wäre es leicht, aus diesen Ergebnissen vorschnelle politische Schlüsse zu ziehen. Zum Beispiel dass der Klimaschutz ein Thema ist, mit dem man nur linksgrüne Bildungsbürger erreicht. Dass die unteren Schichten sich nicht für die Energiewende interessieren oder sie im Gegenteil sogar ablehnen.

Klimaschutz als Klassenkampf. Schon jetzt neigen manche Politiker und Journalisten zu solcher Rhetorik. Spätestens seit im Hambacher Forst gegen die Braunkohle protestiert wurde, herrscht eine Debatte, die die Menschen in Deutschland aufspaltet: in elitäre Klimaschützer auf der einen und Arbeiter, die sich mehr um ihr Einkommen als um die Umwelt sorgen, auf der anderen. Erst kürzlich stand auf der Titelseite der Welt: "Während am Freitag die privilegierte Mittelschicht und ihre Kinder für mehr Umweltbewusstsein demonstrieren, hat sich in Frankreich eine gewaltbereite Gegenbewegung eingenistet." Auch andere behaupteten, die französische Gelbwesten-Bewegung, die anfangs gegen hohe Benzinpreise demonstrierte, sei die logische Opposition zu den Klimaschützern.

Es spricht jedoch vieles dafür, dass diese Gegenüberstellung in die Irre führt. Vertreter der Gelbwesten wehrten sich selbst öffentlich dagegen. Und auch in Deutschland ist der Wunsch nach Klimaschutz offenbar längst nicht auf die Akademikerkinder beschränkt: Kaum eine politische Reform hat in den vergangenen 20 Jahren so viel Zuspruch bekommen wie die Energiewende, je nach Umfrage waren bis zu 90 Prozent der Deutschen dafür. Erst kürzlich belegte das wieder eine Studie der Agentur für Erneuerbare Energien, auf die sich auch das Bundeswirtschaftsministerium beruft. Demnach ist 93 Prozent der Deutschen der Ausbau der erneuerbaren Energien wichtig, 72 Prozent sogar "sehr oder außerordentlich" wichtig. Auch andersherum scheint die Dichotomie nicht aufzugehen: So ist immerhin ein Großteil der auf den Klimaprotesten Befragten etwa dafür, dass die Einkommen von Besser- zu Schlechtergestellten umverteilt werden.

Zudem müssten insbesondere die weniger Privilegierten die Konsequenzen einer verfehlten Energiewende tragen. Nicht nur weil der Klimawandel in anderen Weltregionen bereits für Armut sorgt – mit Folgen, wie etwa Flucht, die auch Europa betreffen. Sondern auch weil die Kosten weiter steigen werden. Und dabei ist es von zentraler Bedeutung, dass die Ärmeren in stärkerem Maße politisch mitgedacht werden als bisher. Bei der Debatte um den Kohleausstieg wurde zwar lange überlegt, wie man Lösungen für die letzten Arbeiter in der Braunkohleindustrie findet, aber kaum besprochen, wie die Energiewende gerechter finanziert werden kann.

Der Klimawandel wird damit selbst zu einer sozialen Frage. Wie kann man umweltfreundliche Mobilität ermöglichen, die sich auch ärmere Menschen noch leisten können? Wie kann man Windkraft und Solaranlagen ausbauen, ohne dass Einkommensschwache unter hohen Strompreisen leiden? Diese Debatten muss man führen, auch im Eigeninteresse der Politiker: 40 Prozent der Befragten identifizieren sich nämlich bisher noch mit keiner Partei.