Was sich am 28. März 1919 in der Hamburgischen Bürgerschaft zutrug, hatte es in Deutschland noch nicht gegeben: Die Gründung einer Universität – nicht durch Beschluss eines Monarchen, sondern per Abstimmung in einem Parlament, von demokratisch legitimierten Abgeordneten. Es war das Ende eines jahrzehntelangen Kampfes, in dem die alten Eliten mit bisweilen grotesken Argumenten eine Universität verhindert hatten. Doch jetzt hatten andere das Sagen.

Zwölf Tage zuvor durften bei der ersten allgemeinen und gleichen Bürgerschaftswahl erstmals auch Frauen wählen. Die Zusammensetzung des Landesparlaments veränderte sich fundamental: Waren die Sozialdemokraten in der bisherigen nach Ständen und Klassen zusammengesetzten Bürgerschaft noch mit allen Mitteln auf eine Außenseiterrolle begrenzt worden, gingen sie aus der ersten demokratischen Wahl als eindeutige Sieger hervor und erreichten die absolute Mehrheit.

Bereits in der dritten Sitzung der neuen Bürgerschaft ging es um den Antrag der SPD-Fraktion, eine Universität zu gründen. In der Begründung unterstrich der spätere Schulsenator Emil Krause, seine Partei werde die in Hamburg schon quälend lang diskutierte und in der vordemokratischen Bürgerschaft gleich zweimal abgelehnte Universitätsgründung zu ihrer Sache machen. Als Vorbild dienten gerade nicht die "altehrwürdigen" deutschen Universitäten mit ihren elitären Zulassungsbedingungen und hierarchischen Strukturen. Die SPD plante ausdrücklich die erste demokratische Reformuniversität in Deutschland.

Zwar sollten auch in Hamburg die Zwecke, denen die Universitäten bisher gedient hatten, weiter gepflegt werden, sagte Krause in der entscheidenden Sitzung, deshalb sei "eine Universität in der alten Form" nötig. "Aber diese Form muss einen Inhalt bekommen, der dem Geiste der neuen Zeit entspricht. Wir müssen eine Universität haben mit freiester Verfassung und mit freiesten Zulassungsbedingungen." Emphatisch rief Krause die neue Universität aus: "Frei soll die Lehre sein und frei das Lernen, würdig dem freien Staat Hamburg!"

Das nur sieben Paragrafen umfassende "Vorläufige Gesetz betreffend die Hamburgische Universität und Volkshochschule" wurde mit großer Mehrheit verabschiedet und trat sogar rückwirkend zum 6. Januar 1919 in Kraft. An diesem Tag war dank der privaten Initiative einiger Professoren ein umfangreiches Programm mit Notkursen vor allem für Kriegsheimkehrer ins Leben gerufen worden, womit der Universitätsbetrieb faktisch bereits begonnen hatte.

Von Anfang an standen den ambitionierten Reformplänen allerdings traditionelle Universitätsvorstellungen gegenüber, wie sie die bürgerlichen "Universitätsfreunde" um den Senator und Bürgermeister Werner von Melle in ihrem langen Kampf um eine Universität in Hamburg vertreten hatten. Im Frühjahr 1919 sah sich auch von Melle am Ziel, obwohl er eine ganz andere Universität anstrebte als die von den Sozialdemokraten gewünschte. Er interpretierte die Gründung nicht als Neubeginn im Bildungsbereich, sondern als Abschluss seiner jahrzehntelangen Bemühungen, die im kontinuierlichen Ausbau der (Natur-)Wissenschaftlichen Anstalten und des Allgemeinen Vorlesungswesens sowie in der Errichtung des Kolonialinstituts ihren Ausdruck gefunden hatten. Tatsächlich wäre ohne diese schon bestehenden Wissenschaftsinstitutionen eine rasche Aufnahme des Universitätsbetriebs 1919 nicht möglich gewesen.

Angesichts ihrer doppelten Gründungsidee blieb offen, ob sich die neue Universität eher an den Reformzielen der Sozialdemokraten oder an traditionellen Vorstellungen und Vorgängereinrichtungen orientieren würde.

Eine solche Richtungsentscheidung stand ursprünglich auch nicht im Vordergrund des langen Streits um eine Hamburger Universität. Seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde um die Frage gerungen, ob die Kaufmannsstadt überhaupt eine Universität gründen solle. Hamburg verfügte damals über ein Akademisches Gymnasium, das im 17. und 18. Jahrhundert, funktional angesiedelt zwischen Lateinschule und Universität, als die angemessene Institution höherer Bildung für eine freie Stadt gegolten hatte. Den Charakter einer "Voruniversität" besaß das Akademische Gymnasium aber schon lange nicht mehr, als es 1883, nach 270 Jahren, per Gesetz geschlossen wurde. Spätestens jetzt wäre eigentlich der passende Zeitpunkt gewesen, eine zeitgemäße Einrichtung zu gründen, sprich: eine Universität.