Glyphosat ist das weltweit am intensivsten untersuchte Unkrautvernichtungsmittel – und trotzdem streiten Wissenschaftler seit Jahren darüber, ob es Krebs auslösen kann. Spätestens seit den Klagen gegen das Herbizid Roundup in den USA sorgen sich viele Bürger um ihre Gesundheit. Schließlich sind glyphosathaltige Mittel weltweit Verkaufsschlager, und Spuren davon finden sich immer wieder in Lebensmitteln. Trotzdem ist es nach dem aktuellen Stand der Forschung übertrieben, wenn jeder Angst hat, gerade durch diesen Stoff an Krebs zu erkranken.

Der Grund für die Auseinandersetzung um Glyphosat sind zwei unterschiedliche Bewertungen: Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation IARC stufte den chemischen Wirkstoff im Jahr 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Damit positionierte sich das Expertengremium gegen die Zulassungsbehörden in der EU, in den USA, Kanada und Japan, die Glyphosat wiederholt genehmigt hatten.

Eine Erklärung für den Widerspruch: Die IARC beschreibt das Potenzial des Wirkstoffs, Krebs auszulösen, während die Behörden auch über das Risiko reden. Dieses hängt davon ab, welcher Dosis ein Betroffener ausgesetzt ist. Rotes Fleisch etwa steht in den Listen der IARC in der gleichen Kategorie wie Glyphosat: Potenziell ist es gefährlich, in Maßen genossen schadet es nicht. Im Falle des Unkrautvernichters urteilten die Zulassungsbehörden: Wer die Anweisungen zum Einsatz befolgt, etwa direkten Kontakt mit dem Gift vermeidet, gefährdet seine Gesundheit nicht.

Ein weiterer Grund für die Meinungsverschiedenheiten: Die Institutionen arbeiten nach unterschiedlichen Regeln. Die IARC bewertet nur Studien, die öffentlich zugänglich und überprüfbar sind. Einige Arbeiten, auf die sich Behörden berufen, lieferten hingegen die Glyphosathersteller, und Teile davon blieben geheim. In Europa hat der Europäische Gerichtshof mittlerweile entschieden, dass Zulassungsbehörden künftig alle Risikostudien publizieren müssen, und es gibt neue Regeln.

Auch Wissenschaftler bewerten Forschungsarbeiten über Glyphosat unterschiedlich. Bei einer empirischen Studie aus den USA streiten Forscher etwa darüber, ob die von Farmern auf ihren Feldern ausgebrachten Mengen ebenso unterschätzt werden wie die Dauer bis zur Entstehung einer Erkrankung. So könnten sich negative Folgen erst Jahrzehnte später zeigen. Oder wo eine bestimmte Krebserkrankung in einer untersuchten Gruppe leicht erhöht war, sagen die Glyphosat-Kritiker: Hier muss man noch einmal genauer hinschauen – während die Befürworter den Effekt vernachlässigbar finden.

Sicher ist: Jene Studien, die einen Krebsverdacht identifiziert haben, beschränken sich auf Menschen, die als Gärtner oder Landwirte über lange Zeiträume direkt mit dem Gift hantiert haben. Es fehlen hingegen Belege, dass Glyphosat in den Dosen Krebs erzeugt, die man mit der Nahrung aufnimmt.

Allerdings ist das kein vollständiger Freispruch, denn manche Fragen bleiben offen. In Unkrautvernichtungsmitteln kommt Glyphosat mit Beistoffen daher. Deren Risiken sind kaum untersucht. Noch weniger wissen Forscher darüber, wie die Inhaltsstoffe verschiedener Herbizide und Pestizide zusammenwirken, wenn sie auf dem gleichen Acker verwendet werden.

So umstritten die Risiken für die Gesundheit von Landwirten und Gärtnern sein mögen: Gewiss ist, dass Glyphosat vielen anderen Lebewesen schadet. Das gilt nicht nur für die Beikräuter selbst, sondern auch für Bodengetier, Insekten und Vögel, die von und mit ihnen leben.