Eigentlich müssten die US-Demokraten glücklich über die Tatsache sein, dass der amerikanische Präsident kein Landesverräter ist. So froh, wie man eben sein kann, wenn die Hoffnung auf eine einfache Lösung für das Problem Trump und den Niedergang der politischen Kultur in Amerika gerade zerplatzt ist.

Dass Donald Trump kein Landesverräter ist, wie Sonderermittler Robert Mueller jetzt festgestellt hat, ändert nämlich nichts daran, dass der Präsident ein Lügner ist, der noch nie Konsequenzen seines Handelns gespürt hat. Es ändert auch nichts daran, dass er ungestraft Vetternwirtschaft betreibt und seine Tochter Ivanka und deren Ehemann zu zwei der mächtigsten Personen im Weißen Haus gemacht hat. Es ändert nichts daran, dass er aus seinem Amt wirtschaftlichen Vorteil zieht. Dass er seine Anhänger zur Gewalt gegen ihre politischen Feinde anstachelt. Dass er sich besser mit autokratischen Regierungschefs versteht als mit demokratischen.

All das hat nichts mit den Mueller-Untersuchungen zu tun. Aber es ist für jeden Amerikaner täglich sichtbar. Der Bericht des Sonderermittlers macht jetzt endgültig klar: Der Trumpismus ist ein Problem aus Amerika, keines aus Russland. Und das stürzt die Demokraten in ein gigantisches Dilemma.

Amerika will Politiker, die für das Land arbeiten, nicht nur für sich selbst

Bislang kennt man nur wenige Details aus Muellers Bericht. Justizminister William Barr hat zunächst lediglich eine kurze Zusammenfassung veröffentlicht. Darin zitiert er Mueller mit der Aussage, die Ermittlungen hätten nicht ergeben, dass es ein konspiratives oder koordiniertes Vorgehen von Mitgliedern des Trump-Wahlkampfteams mit der russischen Regierung und ihrem Versuch gab, Einfluss auf die US-Wahl zu nehmen.

Der Satz ist so verschachtelt, wie die Ermittlungen es waren. Den Amerikanern kamen die Spekulationen darüber zum Schluss längst aus den Ohren heraus. Nur Nachrichten-Junkies konnten der Dauerberichterstattung noch folgen. Die Demokraten sollten sich daher hüten, Muellers Ermittlungsergebnisse bis zur Wahl im nächsten Jahr wie einen Frosch im Biounterricht zu sezieren. Sie laufen sonst Gefahr, Trump recht zu geben, der die Ermittlungen von Anfang an als eine Kampagne gegen sich denunziert hat.

Und doch, die Demokraten könnten sich von dem Bericht hypnotisieren lassen, liefert er doch einen prima Nährboden für Verschwörungstheorien. Die erste ist schon im Umlauf: Hat Justizminister Barr, als er Trump von dem Vorwurf der Justizbehinderung entlastete, seinem Parteifreund einen Liebesdienst erwiesen?

Trump seinerseits wird Muellers Bericht weidlich ausschlachten. Er bietet dem Präsidenten die perfekte Legitimation, die Angriffe auf seine Feinde zu verschärfen. Trump werde die Demokraten mit den Untersuchungsergebnissen niederknüppeln, kündigte sein ehemaliger Berater Steve Bannon an. Werden sie die Stärke haben, das über sich ergehen zu lassen und darauf zu setzen, dass den Amerikanern auch dies langweilig werden wird?

Es ist sicher wichtig, den gesamten Bericht zu kennen. Für die Demokraten ist es sicher auch nicht schlecht, etwas gegen die Angriffe Trumps in der Hand zu haben, der die Ermittlung schon jetzt als illegitim bezeichnet. Aber es geht längst um die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr. Um Trump dann gefährlich werden zu können, müssen die Demokraten nicht den Mueller-Report anschauen, sondern sich selbst.

Sie müssen zum Beispiel einen klaren Vorschlag für eine Reform der Krankenversicherung machen, der finanzierbar ist. Sie müssen eine Umweltpolitik formulieren, die nicht nur Sozialisten überzeugt, sondern auch Wähler aus der Mitte, deren Häuser von Wirbelstürmen und Waldbränden bedroht sind. Sie müssen ihre Mehrheit im Abgeordnetenhaus nutzen, um zu zeigen, dass sie verstanden haben, was Amerika will: Politiker, die für das Land arbeiten, nicht nur für sich selbst.

Trump wird sich derweil als ehrlicher Volksheld inszenieren. Den Report wird er wie einen Schild vor sich führen, an dem jede neue Anschuldigung zerplatzt. Nur gegen gute politische Ideen schützt der Schild nicht. Erkennen die Demokraten das nicht, helfen sie Trump, seinem wichtigsten Ziel – 2024 Ivanka for President – ein Stück näherzukommen. Wer nicht begreift, dass Trump daran arbeitet, eine politische Dynastie zu gründen, der hat ihn immer noch nicht verstanden.