Im Wappen von Harvard prangt in großen Lettern VERITAS – "Wahrheit". Das ist ein feines Motto für einen akademischen Olymp, wo Wissen und Wahrheit regieren – und dahinter die großen Werte westlicher Zivilisation. Mit denen und der US-Verfassung nimmt es die Uni in Zeiten von PC und #MeToo nicht mehr so genau.

Es geht um den Gottseibeiuns aus Hollywood, Harvey Weinstein, einen genialen Produzenten (Der englische Patient, Shakespeare in Love) mit einem langen Sündenregister. Ein Dutzend prominenter Stars beschuldigt ihn der Vergewaltigung und Belästigung. In New York steht er deswegen vor Gericht.

Jetzt kommt Harvard ins Spiel. Einer der Ihren, der Jura-Professor Ronald Sullivan, hat sich Weinsteins Verteidigerteam angeschlossen. Prompt geriet er ins Visier korrekt denkender Menschen. Das Wall Street Journal hat recherchiert. Die Story verdichtet sich zum Theater des Absurden. Fazit: Wer einen Schurken verteidigt, ist selber einer; es sei eben "nicht okay, Weinstein zu verteidigen", ereiferte sich eine Harvard-Studentin. Damit beweise Sullivan, dass ihm die "Sicherheit von Studenten" egal sei. Der Betreuer des Winthrop House, eines Studentenwohnheims, gehöre gefeuert. Harvard mache sich ebenfalls schuldig. Ein Graffito: "Euer Schweigen ist Gewalt".

Reagiert hat Harvard sehr wohl – und zwar gegen Sullivan. Die Dekanin der Faculty of Arts and Sciences: Er müsse gefälligst zeigen, dass ihm das Wohlbefinden der ihm Anvertrauten am Herzen liege. Ein anderer Dekan wollte sich Sullivan vornehmen, damit der deren Nöte mit der gebotenen Empfindsamkeit behandele. Wie aber kann sündigen, wer als Rechtspfleger einen Angeklagten verteidigt? Statt den Harvard-Lehrer zu geißeln, hätte die Universität die Empörten an die Heiligtümer westlicher Rechtsprechung erinnern müssen.

Wer einen Angeklagten verteidigt, macht sich nicht mit ihm gemein. In der US-Verfassung halten gleich zwei Zusatzartikel (5 und 14) den due process hoch: das ordentliche Gerichtsverfahren nach Recht und Gesetz. Das Verdikt muss im Zweifel für den Angeklagten ausfallen. Es gelten weder Volkszorn noch Hörensagen. Jeder Verdächtige darf seine Rechte bis zum Letzten ausschöpfen. Dazu gehört vor allem ein Verteidiger, der alle rechtlichen Mittel zur Entlastung aufbietet. Aus US-Krimis kennen wir die klassische Formel: "Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Wenn Sie sich keinen leisten können, wird er Ihnen gestellt."

Folgen wir der Logik der Harvard-Studenten bis zum absurden Extrem. Sollten sich Ärzte von der Rechtschaffenheit eines Patienten überzeugen, bevor sie ihm helfen? Harvard müsste es besser wissen. Ein Absolvent, der spätere Präsident John Adams, ließ sich von der patriotischen Wut nicht beirren und verteidigte 1770 britische Soldaten, die beim "Boston-Massaker" geschossen hatten. Der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker plädierte vor dem Nürnberger Tribunal für seinen Vater Ernst. Damit hat er nicht die Nazi-Diktatur verteidigt.

Der Fall Sullivan besagt dagegen: Wer für seinen Mandanten ficht, macht sich selber schuldig. Dann dürften nur noch makellose Menschen Beistand genießen. In einer solchen Welt möchte niemand leben. Recht ist nur Recht, wenn es für alle gilt, die Guten wie die Bösen.