Unter den im Sonnenlicht funkelnden riesigen Kronleuchtern des Élysée-Palasts wurde am Dienstagmorgen ein neues Stück Weltpolitik aufgeführt. Die Hauptdarsteller waren Emmanuel Macron, Xi Jinping und Angela Merkel. Zwar sieht man die Regierungschefs von Frankreich, China und Deutschland auch sonst ab und zu gemeinsam auf politischen Bühnen, etwa auf den G20-Treffen. Aber eben nicht so, zu dritt, mit den ganz großen Themen vor der Brust: Freihandel und Multilateralismus, Klimaschutz und die Beziehungen zum afrikanischen Kontinent.

Das Treffen der drei war schon im Vorfeld von so manchen als Zäsur interpretiert worden, als Beginn einer Art Anti-Trump-Allianz, gegründet von Emmanuel Macron. Und siehe da: In einem Moment an diesem Morgen sprachen Xi und Merkel tatsächlich wie aus einem Mund, ohne dass es wie abgesprochen wirkte. Xi sagte "Kreuzweg", Merkel sagte "Scheideweg", aber sie meinten das Gleiche. "Sind wir in der Lage, das multilaterale System fortzuführen, das als Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg entstand, den wir Deutschen ausgelöst haben? Oder versteinert es?", fragte Merkel. In ähnlichem Sinn hatte kurz vor ihr Xi Jinping gesprochen.

"Einen Multilateralismus ohne die USA wird es nicht geben", sagte die Kanzlerin allerdings auch an diesem Tag, um die Premiere kleinzureden. "Dass sie das sagt, aber trotzdem kommt, zeigt, dass es mit den USA nicht mehr funktioniert", analysierte Pascal Boniface, Leiter des Pariser Instituts für internationale und strategische Beziehungen (IRIS), der an diesem Morgen im Publikum saß.

China wolle dieses "starke Europa", sagt der Delegationssprecher Xi Jinpings

Macron hatte den gemeinsamen Auftritt während eines dreitägigen Staatsbesuchs von Xi in Frankreich kurzfristig angeregt, Xi und Merkel sagten prompt zu. Für Boniface "eine große Geste der Kanzlerin", die jüngste Zweifel am deutsch-französischen Zusammenhalt beseitige. Und genau dieses "starke Europa" mit Deutschland und Frankreich "an der Spitze" wolle ja auch China, sagte Lu Kang, der Delegationssprecher von Xi Jinping, der ZEIT. Eine Seltenheit, dass Lu außerhalb des Protokolls Stellung bezieht. Er darf es eigentlich nicht. "Ist ein Risiko für mich." Aber er war sich seiner Sache sicher: "Wir sind als Anwälte des Multilateralismus hier. Wir wollen nicht zerstören, was 60 Jahre lang funktioniert hat."

Waren das nur schöne Worte? Liegt die Wahrheit woanders? "Wenn die Handelsgespräche zwischen China und den USA stocken, spürt das die deutsche Wirtschaft", sagte Merkel. Als könne man daran nichts ändern. Genau das aber wollte ihr Partner Macron nicht gelten lassen. Er wollte aus der von ihm inszenierten Premiere ein neues wirtschaftspolitisches Konzept ableiten. Er nannte es "euro-chinesische Partnerschaft" und meinte damit ein Großprojekt ohne die USA.

Ausgerechnet die populistische Regierung in Italien wird ein wichtiger Partner Chinas

Macrons Projekt soll sich um die Erderwärmung drehen. "Der Kampf gegen den Klimawandel ist das neue, strukturierende Element des Multilateralismus", sagte Macron. Mit Xi gab er am gleichen Tag eine Erklärung heraus, dass beide Länder bis zum Jahr 2020 ihre langfristigen CO₂-Emissionsziele für das Jahr 2050 bekannt geben wollen – und zwar in Einklang mit den Vorgaben des Pariser Klimaschutz-Abkommens. Auch wenn andere noch nicht so weit sind, China und Europa gehen voran – das war Macrons Botschaft. Wortgewandt trug er sie vor. Und es scheint, als stimmten Xi und Merkel ihm an diesem Tag auch dabei zu.

Doch es gibt Zweifel, ob China und Europa wirklich an einem Strang ziehen. Hatte Xi Jinping nicht drei Tage vorher mit seinen Verträgen in Rom die Einheit Europas untergraben? Ausgerechnet die populistische Regierung in Italien ist nun Pekings wichtigster europäischer Partner beim weltweiten chinesischen Seidenstraßen-Projekt, für das Häfen, Autobahnen und Eisenbahnlinien gebaut werden. Merkel und Macron forderten von Xi mehr Respekt für die Einheit der EU. Sein Sprecher Lu entgegnete, in Italien regierten keine Protektionisten. Man habe dort mit Präsident Sergio Mattarella und Premier Giuseppe Conte gute Gespräche geführt. Eine geschickte Antwort: Lu erwähnte die eigentlichen Regierungsmacher in Italien nicht.