Man weiß letztlich nicht ganz genau, was am Anfang der Bundesrepublik war und aus welchem Stoff sie entstand. Zwischen 1945 und 1949 passierte etwas Rätselhaftes, ähnlich unwahrscheinlich wie der Urknall. Bis heute umkreist diesen kaum noch sichtbaren Anfangspunkt ein bewegliches Heer von Metaphern, die nur wenig erklären. Manche Bezeichnungen sind ausgesondert worden, wie "Stunde null", andere gelten offiziell, wie "Befreiung" – aber was heißt Befreiung, wenn sie Alltag wird, und welcher Art war die Freiheit in Westdeutschland, zu Beginn einer später gut funktionierenden und stabilen Demokratie?

Harald Jähner spricht in seinem lesenswerten Buch von der "Wolfszeit"; jetzt hat er dafür den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik bekommen. Er hebt die vier unmittelbaren Nachkriegsjahre hervor, also jenen Spalt in der deutschen Geschichte, als der Deutschen Liebstes, der Staat, nicht mehr existierte und eine alliierte Verwaltung nur für das Nötigste sorgte. Zerstört die Städte, der Hunger wird erst im Winter 1947 seine Krallen zeigen. Hunderttausende durchstreifen das Land, Juden aus den KZs, Ausgebombte, Waisen, Flüchtlinge, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und erste Heimkehrer: ein Land voller "Displaced Persons".

Das Bild vom Wolf diente tatsächlich einer ersten Selbstbeschreibung der Überlebenden. Doch die Wölfe begannen zur Überraschung der Sieger keinen Krieg aller gegen alle. Das "Wölfische" umfasste Selbstverantwortlichkeit, Wachsamkeit, Solidarität aus Not, kurz: Rudeltugenden. Das ehemalige Herrenvolk lebte unfreiwillige Tiertage. Davon erzählt Jähner, nicht von Konferenzen oder weltpolitischen Strategien, sondern vom Alltag.

Nachgeborene Leser überrascht es, wie dicht und vielfältig die ersten Betrachtungen über den Frieden ausfielen, denn vom Schweigen keine Spur, geschwiegen wurde erst später. Das Überleben wird sofort in einer Art Eigenmythosbildung gespiegelt, fotografisch und literarisch, eine existenzialistische Ruinenromantik entsteht. Die Zitate, die Jähner dazu ausgewählt hat, gehören zum Spannendsten des Buches: Erschütterung klingt in ihnen nach, Hoffnung und Illusion, manchmal auch Unbelehrbarkeit. Wenn das intellektuelle Leben eine frühe Blüte erlebte, lag es auch daran, dass niemand mehr mit erlernten Gewissheiten einschüchtern konnte.

Was im Einzelnen in den Besatzungszonen geschah, diktierte oft genug der Zufall, aber vieles davon wirkte so, dass sich später Versatzstücke einer demokratischen Mentalität daraus formten: Die Menschenströme mischten die Gesellschaft neu, Dünkel war sinnlos geworden; Hunger und Wohnungsnot erzeugten einen Vorschein von Egalität. Soziale Marktwirtschaft setzte die Erfahrung des Schwarzmarktes voraus: Sogar das Merkantile musste ideologisch entgiftet werden, und eine neue Zivilität im Umgang war der Nebeneffekt jenes vollkommen unregulierten Marktes, auf dem man jede Minute Gefahr lief, beschissen zu werden, wenn nicht alle ein Mindestmaß an Fairness aufbrachten.

Jähner beschreibt Überschwang und Albernheit, die das Leben begleiteten, Tanz, Karneval, Jazz, auch die erotischen Verwerfungen angesichts des Frauenüberschusses, ebenso den melancholischen Proto-Feminismus, der entstehen musste, als Tausende zerstörte Männer aus den Lagern in ihre Ehen zurückkehrten. Auf einem Gebiet erwies sich die Reeducation als nachhaltig, und das hatte ausgerechnet mit einer Kontinuität zu tun: Für die kulturelle Moderne zeigten sich die Deutschen empfänglich, vor allem in Kunst und Architektur. Der sachliche, ornamentfeindliche Stil der Nazi-Zeit hatte hier vorgearbeitet.

Nach ein paar Jahren Bundesrepublik kommen die Rückschläge: Sittenverfall wird angeprangert, erste Kulturreaktionäre melden sich zu Wort, als viele Nazis Anfang der Fünfziger in hohe Posten zurückkehren. Das Schweigen und das gezielte Vergessen setzen ein. Die Offenheit der Nachkriegsgesellschaft schließt sich, wenn auch nicht vollständig.

Vielleicht ist das der einzige Kritikpunkt an Harald Jähners Buch: Eine zureichende Erklärung für diesen Rückzug ins Enge und Verzagte gibt er nicht, weist aber dem Unwillen, sich mit den eigenen Verbrechen auseinanderzusetzen, eine soziale Funktion zu. "Mag man auch die mangelnde Wahrheitsliebe der deutschen Nachkriegsgesellschaft verurteilen, so kommt man kaum umhin, ihr eine Verdrängungsleistung zu attestieren, von der die Nachkommen aufs Äußerste profitierten." So schließt Jähner an Hermann Lübbes These vom segensreichen "kommunikativen Beschweigen" der Vergangenheit an. Die Aufarbeitung erfolgte spät, zäh, nach 1968 eruptiv. Gerechtfertigt ist das kollektive Wegsehen nur, wenn man unterstellt, es sei für die Konsolidierung einer demokratischen Mentalität unerlässlich gewesen. Das bleibt bis heute strittig. Entsprechend kommen Achtundsechziger bei Jähner nicht gut weg. Er meint, die Jugendrevolte habe das weltoffene mentale Spektrum nicht erzwungen, sondern nur zurückgeholt.

Wolfszeit ist ein populäres Sachbuch im besten Sinn. Fachhistoriker werden nicht sehr viel Neues entdecken, Leser hingegen viel. Jähner erzählt unaufgeregt essayistisch und will kein bestimmtes Bild der Nachkriegszeit predigen. Das Beste: Er verzichtet ganz auf die modischen pseudoliterarischen Darstellungsmittel der Reportage. So ist Zeitgeschichte heute präsentabel.

Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955
Rowohlt Berlin, Berlin 2019; 480 S., 26,– €, als E-Book 19,99 €