Es sind noch zwölf Tage bis zur Wahl, aber Wolodymyr Selenskyj steht nicht auf der Bühne und agitiert die Massen, er verspricht keine höheren Renten oder bessere Gehälter. Selenskyj steht hinter der Bühne, lacht und tanzt. Als sei alles ein Witz.

Alle Sitze sind ausverkauft in dem Theater, das einst Oktoberpalast hieß und hoch über dem Maidan im Zentrum von Kiew thront. Im Saal: Erwartung. Dahinter: Anspannung. Statisten wirbeln umher, eine Visagistin schminkt Selenskyjs Gesicht, das Halogenlicht leuchtet jede Falte seines jungenhaften Gesichts aus. Selenskyj ist klein, hat aber eine außergewöhnliche, dröhnende Bassstimme, die ihn Räume erobern lässt. Auf einem Bildschirm beobachtet er das Publikum im Saal. Lacht es, lacht er auch, tief und erleichtert. Dann wird es Zeit. Er drängt zum Vorhang, der ihn von der Bühne trennt. "Fünf, vier", zählt der Mann am Vorhang und klappt einen Finger nach dem anderen ein, "drei, zwei, eins!" Vorhang auf für Wolodymyr Selenskyj, einen Komiker, der auszog, Präsident der Ukraine zu werden.

"Ich hatte meinen Mann überredet, in die USA auszuwandern", sagt Alena, 31 Jahre alt, die bei einer der Shows in der zweiten Reihe sitzt, kreischt und mitsingt. "Aber als ich gehört habe, dass er kandidiert, sagte ich: Wir bleiben. Er ist unsere letzte Hoffnung."

Es klingt wie ein schlechter Scherz. In einem Land, in dem ein Mensch im Schnitt 300 Euro im Monat verdient und Rentner 80 Euro bekommen, in dem seit fünf Jahren Krieg herrscht und zweieinhalb Millionen Menschen ihre Heimat verloren haben – in so einem Land setzen viele Wähler auf einen unerfahrenen Komiker. Aber es ist kein Scherz. "Die Politik ist in der Ukraine verrückter als jedes Drehbuch", sagt der Regisseur Alexej Kirjuschenko, der mit Selenskyj seit acht Jahren befreundet ist. "Was hier geschieht, könnte sich kein Satiriker ausdenken."

In dieser ukrainischen Wirklichkeit kaufen Oligarchen Abgeordnete. Die wiederum kaufen Wohnungen in bester Lage und dicke Autos, obwohl sie offiziell arme Kirchenmäuse sind. Vertraute des Präsidenten kaufen mitten im Krieg gegen Russland billig Waffenteile bei den Russen ein und verscherbeln sie überteuert an die ukrainische Armee. Julija Tymoschenko, die einst im Gefängnis saß, droht dem Präsidenten, ihn deshalb lebenslänglich hinter Gitter zu bringen. Der Geheimdienst wiederum stellt ihr und anderen Kandidaten nach. Tote sind als Wahlbeobachter registriert, und die Parteien erhalten Spenden von Menschen, die es gar nicht gibt. Dass am 31. März im ersten und drei Wochen später im zweiten Wahlgang ein Komiker zum Präsidenten gewählt werden könnte, erscheint dann gar nicht mehr so verrückt.

Die Hoffnung, dass der blutige Aufstand auf dem Maidan das korrupte System stürzen würde, ist verblasst. Fünf Jahre später ist das Vertrauen der Ukrainer in ihre Regierung laut Umfragen so erschüttert wie nirgends sonst auf der Welt: Nur neun Prozent vertrauen ihr. Fast alle halten sie für korrupt. 80 Prozent haben kein Vertrauen in das Parlament, 70 Prozent keines in den Präsidenten. Zwei Drittel der Ukrainer sehnen neue Gesichter in der Politik herbei, doch an die Macht drängen immerzu die alten. Da ist Julija Tymoschenko, die sich für diese Wahl neu erfunden hat, doch ein alter Witz klebt an ihr: "Julija ist eine gute Krisenmanagerin. Wenn sie auftaucht, fängt die Krise an." Da ist Petro Poroschenko, der unter jedem Präsidenten irgendwie an der Macht war, bis er selbst einer wurde. Wolodymyr Selenskyj hingegen hat erst an Silvester erklärt, kandidieren zu wollen.

Er will die Macht, aber er meidet die Politik, als müsste er sich vor einer Ansteckung schützen. Selenskyj wurde 1978 in der östlichen Industriestadt Krywyj Rih geboren, stammt aus einer Professorenfamilie, studiert Jura. Dann allerdings verschlägt es ihn in die Unterhaltungsbranche. Ende der Neunzigerjahre gründet er mit Freunden die Produktionsfirma "Quartal 95". Die Firma ist heute die wohl größte Produktionsfirma in der Ukraine. Außerdem ist Selenskyi Miteigentümer eines anderen Unternehmens, das in Zypern registriert ist und wiederum eine russische Filmfirma besitzt. Die Politik ist für ihn Kreativmaterial. Selbst jetzt, wenige Tage vor der Wahl, hält er keine Kundgebungen ab, nur Shows. Will ein Wähler Wolodymyr Selenskyj kennenlernen, muss er ein Ticket kaufen oder den Fernsehsender 1+1 des Oligarchen Ihor Kolomojskyj einschalten, der fast alle Produktionen von Selenskyj überträgt. Und doch wird der Zuschauer am Ende nicht wissen, wen er vor sich hat: den Kandidaten oder den Komiker. Gezielt verwischt Selenskyj die Grenzen zwischen den beiden Rollen. Interviews mit Journalisten weicht er aus, Einladungen zu politischen Fernsehdebatten bleibt er fern. Seine Wahlplakate kommen ohne sein Gesicht aus. "Präsident – Diener des Volkes" steht darauf. Mehr müssen die Leute nicht wissen.

Seit 2015 spielt Wolodymyr Selenskyj die Hauptrolle in einer Serie, die genau so heißt: "Diener des Volkes". Als der Geschichtslehrer Wassyl Holoborodko sich wegen Korruption und politischer Missstände Luft macht, filmen seine Schüler heimlich den Wutausbruch und stellen ihn online. Holoborodko wird berühmt – und plötzlich Präsident. Er bleibt bescheiden und kämpft mit seinen Freunden gegen Seilschaften und Korruption.