Der junge Mann, den in seiner Welt alle nur Beto nennen, steht gern auf irgendwelchen Dingen herum. Vor seinen Auftritten ruckelt ein Helfer draußen vor der Tür eine Bier- oder Obstkiste zurecht und drinnen im Saal einen Tisch oder einen Stuhl. Der Helfer wippt und wackelt da oben testweise heftig, denn zusammenbrechen soll das jeweilige Ding vor laufenden Kameras nicht; Roadie würde ein solcher Helfer im Rock ’n’ Roll heißen.

Der junge Mann, der nun erscheint, ist zwar einstiger Punkrocker, übrigens auch einstiger Hacker, Herumstreuner, Zeitvergeuder, doch bald will er Donald Trump ablösen, und darum ist er heute effizienter Wahlkämpfer. Drinnen in den Cafés und Kneipen und Sälen ist es lange vor seinen Besuchen schon voll, weshalb er meist zweifach redet, zunächst draußen für jene, die nicht mehr hineinpassen. Jetzt, endlich, kommt er herein.

"Ich will euch zuhören", ruft Beto hier in Manchester, New Hampshire. "Sagt es mir: Was habt ihr wirklich auf dem Herzen?"

Alle Anhänger der Demokratischen Partei wünschen sich das Ende der Trump-Jahre. Viele würden 2020 zudem gern eine Kandidatin nominieren, damit die USA endlich ihre erste Präsidentin erhalten: Kamala Harris, Senatorin und ehemalige Generalstaatsanwältin Kaliforniens, wird in der Partei leidenschaftlich verehrt, führt in den Such-Statistiken von Google (was ein Interesse der Wähler belegt) und betreibt schon jetzt kraftvoller Wahlkampf als Hillary Clinton im Finale von 2016; auch Elizabeth Warren, Senatorin aus Massachusetts, ist scharfsinnig, furchtlos und durchdenkt die Sorgen Amerikas seit Jahrzehnten.

Doch wie alle Linken werden Amerikas Demokraten von Zweifeln geplagt, und seit Clintons toter Kampagne fürchten sie eine Wiederholung. Ist Harris nicht opportunistisch? Und ist Warren nicht ostküstensteif? Wie überhaupt soll im konservativen Landesinnern (dieser Satz fällt nicht selten) eine Frau gegen Donald Trump gewinnen?

Also Bernie Sanders? Joe Biden? Sanders ist 77 Jahre alt, Biden 76. Gewählt wird im November 2020 für eine vierjährige Amtszeit, und der menschliche Körper funktioniert jenseits der 80 selten noch so präsidial wie, sagen wir, mit 46 Jahren. Dass Biden aus einer Ära stammt, in welcher er es normal finden konnte, ungebeten und selbstverständlich fremde Frauen zu umarmen und zu küssen, wird ihm in der Gegenwart nicht helfen.

Zur leuchtenden Figur der ersten Wahlkampftage ist deshalb Robert "Beto" O’Rourke geworden, 46 Jahre alt. In den 24 Stunden nach der Verkündung seiner Kandidatur Mitte März gingen 6,1 Millionen Dollar Spenden bei ihm ein, die höchste Summe aller Bewerber. Trump adelte ihn durch persönliche Attacken: "Ist er verrückt?" Von seinen Anhängern wird O’Rourke natürlich schon zum nächsten Kennedy oder Obama erklärt, das Magazin Vanity Fair hat ihn zur Titelfigur gemacht, von der Glamour-Fotografin Annie Leibovitz porträtiert.

Was aber will er? Was kann er?

Die Tagestour durch New Hampshire, wo im Februar 2020 die ersten Vorwahlen einen Trend für den Rest des Landes vorgeben werden, begann in Portsmouth an der 13 Meilen kurzen Atlantikküste dieses Bundesstaats, einem Touristenfischerstädtchen; dort sitzt Geld. O’Rourke stand um 8.15 Uhr im Café Popovers auf einem Tisch, fuchtelte ausholend mit den Armen, rief heiser all die Begriffe des liberalen Amerika in den Raum: Klima, Migration, Gesundheitsversorgung, Solidarität, Rettung der Demokratie, "alles ist mit allem verbunden". Mehrfach fiel der Begriff "everybody’s genius" – das Genie eines jeden Amerikaners und einer jeden Amerikanerin möchte O’Rourke schützen und stärken, denn "wir können es nur zusammen schaffen", rief er und klang wie Bruce Springsteen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Hinterher, im Gespräch, sagte O’Rourke, dass der Wahlkampf gewiss anstrengend werde und schon heute anstrengend sei. An jede Tür wolle er in den kommenden Monaten klopfen, in jedem Bezirk dieses Bundesstaates und möglichst des gesamten Landes, "alle zusammen heißt eben alle zusammen", sagt er, "das ganze Land und bei Themen wie dem Klima die ganze Welt". Die "Beziehungen zu Bündnispartnern wie Deutschland müssen geheilt werden", Amerika habe unter Trump die Führungsrolle aufgegeben und würde sie unter ihm, Beto, wieder übernehmen. Ach, Amerikas Wahlkampfzeiten sind immer wieder Zeiten der Sehnsucht.

O’Rourke wuchs in El Paso an der Grenze zu Mexiko auf. Sein Vater Pat war dort Lokalpolitiker, doch dessen Karriere geriet ins Stocken, als in seinem Handschuhfach ein Kondom mit Kokain oder Heroin gefunden wurde – nette Polizisten zerstörten das Beweisstück flott, was die Affäre aber nicht kleiner machte.

Beto O’Rourke hasste diesen Vater, der den Sohn zum Teil seiner Wahlkampagnen machte und ihn für Fotos auf Tandem-Räder setzte, jedoch die Kommunikation einstellte, sobald der Junior mal schlecht in Mathe war. Beto wollte raus aus diesem El Paso, tauchte ab in die Welt der Computer, hackte, wurde Punkrocker, ließ den Satz "Ich bin der wütende Sohn" auf seine Seite im Jahrbuch schreiben, nannte sich Robert und nicht mehr Beto, ging zur Columbia University in New York, um Film und Englisch zu studieren, ruderte, tourte mit einer Punkrock-Band durch Kanada und die USA, wollte in Albuquerque Künstler werden, genoss lieber die Partywelt Brooklyns, kehrte als Erwachsener nach El Paso zurück, nannte sich wieder Beto und wurde mit Alkohol am Steuer erwischt, was sich die Republikaner gemerkt haben dürften.