Mühsam ist der Versuch, in meinem Hotel in Santiago de Chile – die Zeit drängt, die Redakteurin im fernen Europa ist schon nervös – den jüngsten Film von Jean-Luc Godard Le Livre d’Images (Bildbuch) hochzuladen; immer wieder rotiert der Kreisel, und das Bild bleibt stehen. Nach einiger Zeit der Ungeduld beschert mir diese Not, wenn nicht eine Tugend, so doch ein willkommenes Innehalten.

Stop and go wäre die kürzeste Formel dafür, besser gesagt: Stop – and look and listen – and go. Die Formel des französischen Kulturtheoretikers Gilles Deleuze, der Film sei "das bewegte und in sich bewegliche Bild", wird von Godard in ein Blättern im Buch des Kinos übersetzt, begleitet von einem mal deutlichen, mal nachdenklich murmelnden Lesen und Kommentieren.

Godard, der Schweizer, der Cineast, der auf buchstäbliche Weise seit mehr als sechzig Jahren Filmgeschichte schreibt, spricht auf der Tonspur seines Films ein sehr artikuliertes, im Ton gänzlich unhelvetisches Deutsch – er hat es, so glaube ich mich zu erinnern, mit seinem Großvater gesprochen und schon in seiner Jugend die deutsche Literatur der Klassik und Romantik gelesen. Passiv hat diese Sprache lange Jahre in ihm überwintert. Jetzt hören wir sie in Bildbuch zum ersten Mal.

Der Film gliedert sich in mehrere Kapitel, geordnet nach cineastischen und literarischen Aspekten: REMAKE ist die Lust und die Arbeit des Kinos, die immergleiche Geschichte noch einmal, also sich selbst fortwährend nachzuerzählen. RIM(AK)ES ist ein Wortspiel im Spannungsfeld von poetischen Reimen und Film-Remakes. LES SIGNES ist eine cineastische Ausdeutung des Zeichen setzenden Menschen, der aber mehr von den Zeichen umstellt wird, als dass er sie noch zu setzen vermag. Und L’ESPRIT DES LOIS schließlich offenbart sich als Wiederentdeckung des französischen Staatstheoretikers und Schriftstellers Charles de Secondat de Montesquieu.

Kino ist eben nicht nur der perfekte Plot, die auskalkulierte Geschichte, das zwiespältige Erbe einer standardisierten Vorstellung von literarischer Erzählung, sondern es ist der Ton, die Farbe, das Einzelbild, die durch den Schneidetisch laufen, gebändigt werden und in einer vorwärtsdrängenden Metamorphose neu zusammengesetzt werden wollen. Diese Elemente haben sich, von Anfang an, eine hartnäckige Selbstständigkeit bewahrt. Godard führt die Materialität des Kinos vor und zeigt es uns als Material der Geschichte.

In seinem vielleicht letzten Film verwendet er Bilder und Töne der Filmgeschichte, Internetfundstücke, literarische Zitate, Nachrichtensplitter, historisches Dokumentarfilmmaterial, YouTube-Ausschnitte – bis hin zu Gewaltszenen, die der sogenannte "Islamische Staat" ins Netz gestellt hat. Durch die Kombination des Materials entstehen Fragen: Wohin führen die historischen Linien der gegenwärtigen Konflikte unserer Zeit? Wie utopisch ist die Vorstellung einer eigenständigen arabischen Welt, die aus dem Spannungsfeld der Großmächte tritt? Was überhaupt bedeutet der Begriff "arabische Welt"? Mit welchen Bildern wird diese Region repräsentiert? Und gibt es auch eine Gewalt der Darstellung gegenüber den Dargestellten?

In den ersten Filmsekunden sehen wir Godards Hände am Schneidetisch, der für ihn eine Zeitmaschine ist. Ort des Weltentwurfs und der Weltbefragung. Die fünf Finger einer Hand bilden für ihn das Feld, in dem sein Denken Gestalt annimmt. "Wirklich als Mensch leben heißt, mit den Händen denken", sagt die Stimme des Regisseurs. Wir erleben: das Zusammenkleben der Bilder gleich zu Beginn – aber in diesem Film ist alles Beginn, alles hat immer schon angefangen, doch die losen Teile wollen eingefädelt und miteinander verbunden, "geschnitten" werden. Diese Teile spulen sich sogleich zu unerhörten Farben auf. "Wie zu einem Traum", möchte man ausrufen – und als hätten die Bilder die Sprache souffliert, hören wir den Erzähler von der mythischen Gestalt des Orpheus berichten, der nach einer lebenslangen Reise durch die Unterwelt wieder ans Tageslicht zurückkehrt. Was er dort wohl gesehen und von dort mitgebracht – "überliefert" – hat? Und da begreifen wir, dass das Kino selbst dieser unterirdische Ort ist, aus dem in einer schier unendlichen Folge die jenseitigen Bilder aufsteigen: der von einem Speer durchbohrte Jean Cocteau, der tötende Laurence Olivier, Omar Sharif in Lawrence von Arabien.

Erinnerungen, wenn wir sie als Bild oder Wortlaut abrufen, ohne sie niederzuschreiben, sind ihrem Wesen nach "Augenblicksbilder" – wenn wir sie vergegenwärtigen, dann verdichten wir die Dauer des Erlebten oder sinnlich Wahrgenommenen auf eine bestimmte Szene, eine Geste, einen Ausdruck, einen Satz. In Bildbuch verfährt Jean-Luc Godard mit der Filmgeschichte so, als wäre sie nicht aus Erzählungen, Storys, sondern aus solchen Verdichtungen zusammengesetzt. So macht dieser Cineast seine filmische Komposition zu unserer "eigenen" Erinnerung. Und in diesem jüngsten Film gibt es verblüffend lange Augenblicksbilder.