Die Bilder der ersten Bücher, sie bleiben und prägen ein Leben lang: Für mich war es Ich bin ein großer Zottelbär von Janosch. Einem Janosch allerdings, der nicht lieblich zeichnete, sondern diesen Bären mit grobem Tuschepinsel aufs Papier warf. Schon im ersten Bild ist klar: Dem Jungen langt’s! Dem kann keiner was! Der Zottelbär macht, was er will. Er trägt aber auch einen roten Stuhl mit sich herum, auf dem er am Ende wieder als Hans Platz nimmt, um seiner Freundin einen Kuss zu geben. Wie der Bär den Stuhl mit sich herumschleppt, so begleitet mich seit Langem mein Traum von mehr Courage im Bilderbuch.

Schaue ich auf die Bücher, die im deutschsprachigen Raum entstehen, sehen sie alle Jahre ähnlich aus – und das schon viel zu lange: Kein Titel ist unerwartet, zu groß, zu grob, zu zart oder schreiend laut. Spannende, experimentierfreudige und schräge Bilderbücher gibt es in unseren Läden auch, nur werden sie fast alle im Ausland eingekauft.

Die Entscheidung, welche Bilderbücher bei uns gemacht werden, verantwortet ein komplexer Stab aus Verlegern, Lektoren, Vertretern, Buchhändlern und Rezensenten. Alle fragen sich: Welche Bücher will das Kind – meins oder deins? Welche Bücher will der Markt? Die Antworten bleiben so lange Spekulation, bis ein Buch da ist. Erst dann entscheidet sich, ob es gesehen wird.

Manche sind ihrer Zeit voraus. Wo die wilden Kerle wohnen, dieses grandiose Werk von Maurice Sendak, das wir heute zu den Klassikern zählen, fand anfangs kein breites Publikum, da half auch die Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 1968 nicht. Ich warte noch immer darauf, dass Macker von David Hughes, ein Bilderbuch über Gewalt, das 1994 sogar mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, sich zum Klassiker mausert. Wahrscheinlicher ist, dass es verschwindet. Hunderte neue Bilderbücher kommen jedes Jahr auf den Markt. Was nicht sofort funktioniert, wird aussortiert. Dabei könnten gerade Bilderbücher ein Gegengewicht in unserer schnellen Welt sein. Sie sollten einen langen Atem haben dürfen, zum Nachdenken anregen, Fragen aufwerfen und uns herausfordern.

Dafür braucht es Menschen, in deren Köpfen solche Bildgeschichten entstehen und die wissen, wie man sie zu Papier bringt. Illustration und die Kunst, Bücher zu machen, lässt sich studieren. Ich habe es selbst getan. Bei Wolf Erlbruch habe ich 1996 mein Studium abgeschlossen, mit einem eigenen Buch unter dem Arm, das den Regeln des Marktes allerdings nicht gerecht wurde. Ich war zu wild und das Buch zu umfangreich und aufwendig – besonders für eine Neuankommende. Wolf Erlbruchs Frau gab mir damals den weisen Rat, erst einmal im Leben nachzureifen, den ich beherzigt habe.

Inzwischen habe ich nicht nur Bücher illustriert, die gedruckt werden, ich habe auch selbst unterrichtet und beobachte eine beunruhigende Entwicklung: In den deutschen Kunsthochschulen wird auf Professionalisierung gesetzt, nicht auf Wildwuchs. Man hantiert mit Rahmen, Formaten, Seitenzahlen, stutzt alles von vorneherein auf marktgängige Größen. Die Ergebnisse werden bei den Absolventen-Ausstellungen den Verlegern und Lektoren präsentiert – und nicht selten direkt eingekauft. Natürlich jubelt jeder Studierende, dessen Abschlussarbeit von einem Verlag gedruckt wird. Einen besseren Start ins Berufsleben kann sich der Einzelne nicht wünschen. Und doch geht dabei etwas Wesentliches verloren. Uns allen.

Ist die Kunst nicht die Keimzelle für Neues und für morgen? Sollten die Hochschulen nicht Persönlichkeiten auswählen und fördern, denen sie nicht nur das Handwerkszeug mitgeben, sondern denen sie auch Kühnheit und Widerspruchsgeist beibringen? Gehört die Beschränkung und Einschränkung nicht zum Älterwerden, während die Jugend ausschweifend, bedingungslos und enthusiastisch ins Feld ziehen darf?

Dass die Buchbranche erschüttert wird, ist eine gute Nachricht. Dass nicht neu gedacht und so wenig experimentiert wird, dagegen erschütternd. Ich wünsche mir Verlage, die Autorinnen und Illustratoren ermuntern, die Leser und Betrachter herauszufordern. Vor allem wünsche ich mir als Gestalterin ein professionelles visuelles Lektorat, wie es zum Beispiel in Frankreich üblich ist. Ausgebildete Grafiker und Illustratoren müssen genauso in den Verlagen arbeiten wie Germanisten und Autoren. Erst dann fußen Entscheidungen nicht nur auf Geschmacksfragen.

Wenn ich an meinen Zottelbären denke, dann scheint es damals eine verdammt mutige Entscheidung gewesen sein, diesen Wüterich zu verlegen. Was trauen wir uns heute? Welche Bücher zeichnen, texten, verlegen, loben und kaufen wir? Wie viel Mut wir heute in die Kinderzimmer tragen, wird die heranwachsende Generation prägen. Für sie wünsche ich mir ein paar wilde Kerle mehr.