Tragödie und Farce sind manchmal kaum voneinander zu unterscheiden. Je länger das Brexit-Drama dauert, je näher ein chaotischer Austritt Großbritanniens aus der EU rückt, desto verzweifelter agieren in London die Politiker – und desto absurder wirken sie dabei. Egal wie oft das Unterhaus zusammenkommt, egal worüber die Abgeordneten bislang abgestimmt haben, die Pointe war immer dieselbe: "The noes have it." Keine Zustimmung für gar nichts.

Und nun, nach ungezählten Niederlagen, versucht die britische Premierministerin einen Kompromiss mit der Opposition zu finden. Warum Theresa May erst jetzt auf diese Idee gekommen ist, bleibt ihr Geheimnis. Ob der Versuch gelingt, war am Dienstagabend, bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe, offen. Doch für jeden Kompromiss, den die Briten jetzt noch finden, sind sie mehr denn je auf das Entgegenkommen der EU angewiesen. Mindestens bis zum 22. Mai, dem Vortag der Europawahlen, will May die Frist für den Austritt verlängern.

Was zählen ein paar Monate, gemessen an dem, was auf dem Spiel steht?

Tragödie oder Farce? Um den historischen Augenblick zu begreifen, muss man kurz zurückblicken. Im Sommer 2016, nach dem britischen Referendum, stand die Europäische Union unter Schock. Die Gemeinschaft, die sich stets auf der richtigen Seite der Geschichte wähnte, war in ihrem Innersten getroffen; die Sorge, andere Länder könnten dem britischen Beispiel folgen, war groß. Seitdem hat die EU eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit bewiesen und in den Verhandlungen mit London ungeahnte Geschlossenheit demonstriert. Die Sorge vor weiteren Austritten ist vorerst gebannt, so wie die Briten will niemand enden. Dafür sind der Frust und die Ungeduld gegenüber London gewachsen.

Der französische Präsident erweckt den Eindruck, als könne er den Tag kaum erwarten, an dem Großbritannien die Union endlich verlässt. Aus Brüssel hört man, besser sei ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Und auch in Berlin verlieren manche die Nerven. Michael Roth, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, schimpfte am Wochenende, der Brexit sei eine "große Scheiße".

So verständlich der Wunsch ist, das Drama möge endlich enden, so wenig helfen Frust und Wutausbrüche. Natürlich nervt die Londoner Hängepartie. Außerdem kostet sie Unternehmen und Steuerzahler mehr und mehr Geld. Aber ist es ernsthaft eine Option, die Briten jetzt über die Klippe zu schubsen – in den Abgrund eines ungeregelten Austritts, von dem die Gegner der EU immer geträumt haben? Was zählen ein paar Wochen oder selbst ein paar Monate, gemessen an dem, was auf dem Spiel steht?

Ein ungeregelter Austritt Großbritanniens, der sogenannte harte Brexit, hätte verheerende Folgen – für alle Beteiligten. Die Wirtschaft würde auf beiden Seiten des Ärmelkanals leiden; die unsichtbare Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland würde wieder sichtbar und damit gefährlich; vor allem aber wäre das Vertrauen zwischen Großbritannien und der Union für lange Zeit zerstört. Ausdrücklich hat der Brexit-Beauftragte der EU, Michel Barnier, in dieser Woche vor den Konsequenzen eines solchen Bruchs für die künftige Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen, etwa bei der Terrorismusbekämpfung, gewarnt.

Mit einem harten Brexit wird Europa ärmer, unsicherer und unberechenbarer.

Niemand kann Großbritannien die Entscheidung über seine Zukunft abnehmen. Es hilft auch nichts, den Briten nun ständig vorzuhalten, dass sie sich unvorbereitet in ein gefährliches Abenteuer gestürzt haben. Das wissen viele Verantwortliche in London mittlerweile selbst.

Die Staats- und Regierungschefs der EU, die sich in der kommenden Woche in Brüssel treffen, sollten sich vielmehr in strategischer Geduld üben und den Briten die Zeit geben, die sie brauchen. Mindestens bis zum 22. Mai, zur Not aber auch darüber hinaus. Denn egal welchen Weg das Vereinigte Königreich am Ende wählt, auch außerhalb der EU wird es ein wichtiger Nachbar bleiben. Die Zeiten ändern sich, die Geografie bleibt.

"Geht mit Gott!" stand an dieser Stelle vor zwei Wochen in der ZEIT. Spätestens zum 1. Juli sollten die Briten die EU verlassen, hatte Ulrich Ladurner argumentiert. Die Union habe Besseres zu tun, als sich mit dem Brexit zu befassen. Aber was könnte wichtiger sein, als Sicherheit und Wohlstand in Europa zu befördern?