In Amerika gibt es Orte, an denen man sich selbst beim Dickwerden zusehen kann: Baseballstadien. Bei einem Spiel sitzt man stundenlang auf seinem Hintern, palavert ein bisschen, während die anderen Sport treiben, und dazu gibt es tonnenweise Fast Food.

Das klassische Gericht beim Baseball ist der Hot Dog. Lange bevor der Sport professionalisiert wurde, saßen die Zuschauer oft auf zugigen Holztribünen. Eine Methode, um sich warm zu halten: Man aß eine dampfende Wurst. Nach meiner Ankunft in Chicago gehe ich also erst mal ins Stadion. Bei den Chicago Cubs schiebt der Verkäufer die nackte Wurst im Brot über die Theke; die Zutaten muss man sich am Stand selbst zusammenstellen. Ketchup nimmt hier niemand, ich dafür zu viel Senf. Der ist derart scharf, dass er mir die geschlossene Brötchenseite durchätzt.

Als ich zum Biss anhebe, quillt die Wurst heraus und rutscht auf meinen Schoß. Auf meinen Schenkeln entsteht ein kleiner Jackson Pollock dank der bunten Zutatenmischung, die hinterhertropft. Ich stopfe die Überreste zurück und beiße zu. Neben dem Senf sticht nur der Paprikageschmack der Wurst heraus. Das Brötchen pappt am Gaumen. Das kann es noch nicht gewesen sein.

Die Urform des Hot Dogs ist so eine schlichte Wurst im Brot, darüber sind sich alle einig. Danach wird es kompliziert. Es gibt unzählige Varianten, in New York isst man den Hot Dog gern mit Sauerkraut oder Zwiebeln und einem Schuss Senf, in Seattle mit Frischkäse. Wer aber kapieren will, wie der Hot Dog zu einem amerikanischen Gericht wurde, geprägt durch die Menschen, die in diesem Land leben, der muss nach Chicago reisen.

Am Tag nach meiner Stadion-Erfahrung sammelt Bruce Kraig mich am Hotel ein, um mit mir Hot Dogs essen zu gehen. Der 79-Jährige war Professor für Mittelalterliche Geschichte, bevor er sich auf Nahrungsmittelgeschichte spezialisierte. Kraig hat mehrere Bücher über Hot Dogs geschrieben, unter anderem das Standardwerk Hot Dog – A Global History. Sein Toyota Prius ist heute mein Wursttaxi. Kraig will mir zeigen, wie ein richtiger American hot dog schmeckt.

Wir sitzen auf schwarzen Plastikstühlen bei Morrie O’Malley’s . Vor uns liegt ein längliches Brötchen von beinah Brioche-artiger Fluffigkeit, das auf der Oberseite mit Mohnkrümeln bestreut ist. Darin klemmt eine rotbraune, gekochte Rinderwurst; kaum zu erkennen unter gelbem Senf, weißen Zwiebelwürfeln, zwei orangefarbenen Chilischoten, einer länglich geschnittenen Gewürzgurkenscheibe, zwei Tomatenhalbmonden, grünem Relish (einer Art eingekochten Gewürzgurkenmarmelade) und einer Prise Selleriesalz.

Beim ersten Biss säbeln die Zähne durch diese für Chicago besondere Zutatenkombination, bevor leicht zeitverzögert die Geschmackssensoren anspringen. In einem Sekundenbruchteil spülen die saftigen Tomaten das Süßsaure des eingelegten Gemüses und die Schärfe der Chili hinab, erst dann gibt die Wurst ihr leicht salziges Aroma frei.

Über die Entstehungsgeschichte des Hot Dogs sind sich die Gelehrten nicht ganz einig, eine Version beschreibt Kraig in seinem Buch: Ein bayerischer Schlachter verteilte 1904 in St. Louis weiße Handschuhe an die Kunden, damit sie die heißen Würstchen halten konnten. Weil die meisten die Handschuhe nicht zurückgaben, suchte er nach einer günstigeren Lösung. Sein Schwager, ein Bäcker, schlug vor, die Würste einfach in Brötchen zu legen.