DIE ZEIT: Herr Opielok, letzte Woche wurde im Mittelmeer offenbar ein Tanker von Flüchtlingen gekapert. Besorgt Sie das?

Christopher Opielok: Natürlich. Unsere Schiffe beliefern Bohrinseln vor Libyen, die liegen mitten auf der Fluchtroute. Wir haben oft Hunderte Flüchtlinge an einem Tag gerettet; einmal sogar fast tausend – bei zwölf Mann Besatzung.

ZEIT: Wie hält man so viele Menschen im Griff?

Opielok: Mit Improvisationstalent. Bei einem unserer ersten Rettungseinsätze hatten wir kaum Gläser an Bord. Die Flüchtlinge bekamen Durst und wurden nervös, da war richtig Alarm. Aber Seeleute sind erfinderisch, die Crew hat durchlöcherte Wasserschläuche über Deck gespannt, die Rohre aufgedreht und die Flüchtlinge berieselt.

ZEIT: Die Flüchtlinge auf dem Tanker ließen sich nicht so leicht beruhigen. Sie sollen den Kapitän gezwungen haben, nach Europa zu fahren. Sie wollten nicht zurück nach Libyen.

Opielok: Laut Völkerrecht dürfen wir die Menschen nicht nach Libyen bringen, es ist dort zu gefährlich. Aber die EU schließt ihre Häfen.

NGO-Schiffe auf dem Mittelmeer

 
Auf Mission
 
Inaktiv
 
Blockiert

ZEIT: Und sie droht Kapitänen sogar mit Strafen wegen angeblicher Schleuserei.

Opielok: Ja, das ist ein Dilemma.

ZEIT: Wohin bringen Sie die Menschen?

Opielok: Nach Libyen. Wenn die libysche Rettungsstelle den Kapitän anweist und die Leute übernimmt, muss er deren Anweisungen folgen.

ZEIT: Die libysche Küstenwache ist mitunter sehr brutal.

Opielok: Das hören wir auch – und auch, dass sie angeblich zweimal kassiert: einmal von der EU und einmal von den Schmugglern.

ZEIT: Und deren Befehle befolgen Sie?

Opielok: Notgedrungen. Meine Kapitäne versuchen ihren Job zu machen. Sie mischen sich in politische Angelegenheiten nicht ein.

ZEIT: Aber sie retten die Menschen.

Opielok: Zwangsläufig. Der Schifffahrt geht es wirtschaftlich nicht so gut, ich kann mir mein Fahrtgebiet nicht aussuchen. Und dort, wo ich Aufträge habe, fahren leider Flüchtlingsboote.

ZEIT: Sind Sie für die Rettung ausgerüstet?

Opielok: Nein. Wir sind ein Versorgungsschiff, kein Rettungsschiff. Wir haben in der Bordwand nur eine winzige Tür, durch die wir Menschen retten können. Manche sind zu schwach, um die Leiter hochzukommen, manche stehen unter Schock, alle schreien durcheinander. Das ist ein Desaster. Wir hatten mal ein überfülltes Holzboot, das ist umgekippt. Die Stärkeren kletterten nach oben, die Schwachen, Frauen und Kinder, gingen unter. Wir haben verzweifelt alles ins Wasser geworfen, was wir finden konnten, unsere eigenen Rettungswesten, sogar Matratzen. Die Leute sind vor unseren Augen ertrunken. Das war 2015. Heute sind wir routinierter.