Westliche Städte und Bücher sind einfach zu lesen. Unter den Linden in Berlin, die Champs-Élysées in Paris – klare Sichtachsen und Alleen führen auf Plätze und zu Palästen, die Wendepunkten eines Romans gleichen, der einen Anfang und ein Ende hat. Japanische Städte sind anders. In ihren verschlungenen Straßen hat man überall das Gefühl, man werde aus diesem faszinierenden Labyrinth vielleicht nie mehr herausfinden. Darin gleichen sie den japanischen Büchern. Die Éducation Sentimentale oder die Buddenbrooks sind zwar reich an Figuren und Episoden, aber sie erzählen von den enttäuschten Illusionen eines jungen Mannes und dem Niedergang einer Familie so bündig, dass man ihre Handlung zur Not in einem Satz zusammenfassen könnte, ohne dass dieser Satz ganz falsch wäre. Einen Roman eines japanischen Autors oder einer japanischen Autorin wie Kenzaburo Ōe, Haruki Murakami oder Banana Yoshimoto kann man in einem solchen Satz nicht zusammenfassen, das ist der entscheidende Unterschied.

Der nasse Tod zum Beispiel, das Alterswerk des Literaturnobelpreisträgers Kenzaburo Ōe, entfaltet mithilfe eines labyrinthischen Begebenheitsknäuels eine eigentümlich schwebende Bedeutung, die man durch jede Nacherzählung eigentlich ruiniert. Das Buch ähnelt einer Stadtkarte, die genauso groß ist wie die Stadt selbst. Man hat als Leser dieses Buches immer wieder die Befürchtung, aus diesem Motiv-, Anspielungs- und Handlungsgewirr nie mehr herauszufinden.

Ist dieses Buch eigentlich überhaupt ein Roman? Es gibt in ihm grotesk surrealistische Handlungselemente, die nur erfunden sein können, zum Beispiel eine Theatertruppe, die das Publikum dazu ermutigt, sich nicht durch Klatschen oder Buhrufe auszudrücken, sondern Stofftiere auf die Bühne zu werfen. Die männliche Hauptfigur hat einen erfundenen Namen, Kogito Choko. Diesen (sprechend west-östlichen) Namen kennen wir aus anderen Romanen Kenzaburo Ōes als Decknamen für den Schriftsteller selbst. Auch seine Lebensumstände gleichen denen des Dichters, sodass die fiktionale Figur und der Autor nicht zuverlässig voneinander zu trennen sind. Kogito Choko ist ein alternder linker Schriftsteller, der erfolglos versucht, einen Roman über seinen Vater zu schreiben, der zu einer Gruppe enttäuschter kaisertreuer Offiziere gehörte, die 1945 ein Attentat auf die erste japanische Friedensregierung erwogen. Dann aber kam Chokos Vater um, als er in einem Boot auf einen durch Hochwasser angeschwollenen Fluss hinaustrieb. War es ein Unfall? Selbstmord? Man weiß es nicht. Am Ende wird es nichts mit dem Vater-Roman, und Kogito Choko zieht sich in eine depressive und aggressive Seltsamkeit zurück.

Dieser Zustand depressiver Seltsamkeit ist so etwas wie ein Leitmotiv der modernen japanischen Literatur. Vertrottelte alte Männer – von Frauen dominiert, mit ihrem Alter kokettierend, stur, bizarr – sind ein Topos in der Literatur Japans, das alten Männern traditionell eine fast kultische Verehrung entgegenbringt. Kogito Choko gehört in Der nasse Tod zu demselben tribe wie Utsugi Tokusuke in Jun’ichiro Tanizakis Tagebuch eines alten Narren oder Miike Shuntaro in Yasushi Inoues Die Berg-Azaleen auf dem Hira-Gipfel. Es sind "heilige Narren", die als exzentrische Zen-Mönche im Angesicht des Todes aus ihrem geordneten Leben und dem gesellschaftlichen Alltag ausbrechen und als scheinbar Gescheiterte einen Sinn finden, den sie lange vergeblich gesucht haben.

Auch für die eigentümlich schlingernde, teils tagebuchartige, teils dialogische, teils essayistische, sich in Briefen, literarischen Anspielungen, Wiederholungen, historischen Reminiszenzen fortentwickelnde Konstruktion des Romans gibt es traditionelle japanische Vorbilder, vor allem das in der japanischen Literatur schon im Mittelalter entwickelte Zuihitsu ("dem Pinsel folgen"), eine östliche Form des personal essay, die viele japanische Romane in ihrer Machart beeinflusst. Westliche Leser, die in linearen Weltbildern, Städten und Büchern zu Hause sind und schnell zu ihrem Ziel wollen, können sich in diesen Textlabyrinthen bis zur Verzweiflung verirren.

Doch wenn man nicht aufgibt, gelangt man beim Lesen dieses Buches irgendwann an einen geheimnisvollen Punkt, an dem man nicht mehr den einen einzig richtigen Sinn-Ausweg sucht, sondern das immer tiefere Sich-Verlieren in diesen Roman zu genießen beginnt. Damit lernt man nicht nur etwas über japanische Literatur und Sensibilität, sondern auch über sich selbst. Und zwar etwas, das man bei der Lektüre westlicher Bücher nicht lernen kann. Man könnte es als angenehm schwebende Aufmerksamkeit für nicht eindeutig zu entschlüsselnde und gleichsam fluktuierende Sinnsuggestionen bezeichnen. Und als eine gewisse Gelassenheit. "Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten", heißt es in einer Geschichte Kafkas über wichtige, aber nie eindeutig ankommende Sinnbotschaften und über undurchdringliche Städte. "Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt." Diese Art einer träumenden Rezeptionshaltung ist der nachhaltigste Gewinn, der einem über der Lektüre von Kenzaburo Ōes Alterswerk zuwachsen kann.

Eine der von Kogito Choko in seinem Zuihitsu-Monolog immer wieder aufgenommene und wieder fallen gelassene Nebenstraße der Erzählung besteht darin, dass die Figur dieses alten Narren (wie Kenzaburo Ōe selbst) einen musikbegeisterten geistig behinderten Sohn hat, den der Vater in einem Wutanfall (denn der Sohn machte auf einem Manuskript des palästinensischen Literaturtheoretikers Edward Said Kugelschreibernotizen) einen Idioten nennt, worauf er es in verzweifelter Sturheit nicht fertigbringt, sich zu entschuldigen. Die Entzweiung zwischen Vater und Sohn als Folge dieser bizarren und nicht wirklich verstehbaren Rohheit des alten Mannes zieht sich durch das Buch.

Gerade diese unverständliche Sackgasse der Erzählung aber bringt am Schluss eine Art Lösung zustande. Nachdem der durch seinen Vater in seinem Ehr- und Selbstgefühl fast zerstörte vierzigjährige Sohn das ganze Buch hindurch aufgehört hat, Musik zu hören und zu komponieren, wird er von Chokos Frau, seiner Schwester und den Frauen der Theatergruppe langsam wieder ins Leben zurückgeführt. Auf diese Weise gelingt ihm am Ende, was dem Vater misslungen ist: eine musikalische Komposition, die dem geheimnisvollen Tod seines Großvaters künstlerisch gerecht wird. Das misslungene Altersprojekt des Schriftstellers wird vollendet und gerettet durch die Musik, durch den geistig behinderten Sohn, durch das Leben und durch die Frauen. Vielleicht wäre das der Satz, mit dem man diesen Roman trotz allem doch zusammenfassen könnte, ohne etwas ganz Falsches zu sagen.

Kenzaburo Ōe: Der nasse Tod
Roman über meinen Vater; aus dem Japanischen von Nora Bierich; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 432 S., 25,– €, als E-Book 22,99 €