Es gibt viele Untote in diesem Film: Sie brechen durch das Erdreich und schütteln die Leichenstarre ab wie ein lästiges Gewand. Sie humpeln durch ein Loch, das ein Feuer in eine Filmleinwand gefressen hat, und bedrängen die Zuschauer im Saal. Sie paradieren des Nachts mit abgehackten Bewegungen zu den grotesk quietschenden Klängen einer Blaskapelle durch ein Dorf in der Steiermark. Der alte Kaiser ist dabei, der Mozart Wolferl, der verunglückte Formel-1-Rennfahrer Jochen Rindt.

Ein Nazi-Scherge tanzt mit einer Frau, die durch einen Judenstern gebrandmarkt ist. Ein paar Leute vergnügen sich in einer Wirtshausstube, indem sie sich tote Fische um die Ohren schlagen und Palatschinken wie Masken aufsetzen. Und immer wieder werden sekundenkurze Bilder dazwischengeschnitten: böse Vorahnungen einer Zukunft, die noch Schlimmeres zu verheißen scheint.

Der Film Die Kinder der Toten nach dem gleichnamigen Roman der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, der diese Woche in ausgewählten Kinos anläuft, ist ein Tanz der Zombies mit kalkweißen Gesichtern, an denen Blutfäden herunterlaufen. Ein Grand-Guignol-Spektakel, in dem das Grauen, das Verbrechen, das Verdrängte und der menschliche Makel als Provinzposse wiederkehren. Gedreht in körnigem Super-8-Format mit verwaschenen Grün- und Gelbtönen, die an ein Home-Movie denken lassen und durch einen fulminanten Soundtrack des Komponisten Wolfgang Mitterer untermalt sind. Der lässt es tröten und krachen, er bürstet Volkstümelndes gegen den Strich und spielt die Tonspur auch einmal rückwärts ab, um ein Gefühl der Desorientierung zu erzeugen. Man kann ohne Umschweife behaupten: So ein Film ist in Österreich noch nie gedreht worden.

Er sieht aus, "als hätte John Waters das Remake eines Ed-Wood-Films in den österreichischen Alpen angesiedelt", schrieb eine amerikanische Kino-Website und verweist damit auf zwei Großmeister der filmischen Trash-Kultur, die vor allem durch ihre Billigkeit und eine lustvoll zelebrierte Geschmacklosigkeit auffällig geworden ist. Ein wenig erinnert der steirische Zombi-Karneval an den amerikanischen Horror-Trash Blair Witch Project, bei dem mit einem lächerlichen Budget mit pseudodokumentarischen, scheinbar gefundenem Material jongliert wurde. Der Mut zum Risiko und zur Arte Povera wurde belohnt: Bei der Berlinale, wo Die Kinder der Toten im Februar Premiere feierte, erhielt das Werk den renommierten Fipresci-Preis.

Die Geschichte, wie es zu dieser in ihrer Exaltiertheit einzigartigen Produktion kam, ist ungewöhnlich. Regisseure des Films sind die New Yorker Theatermacher und Performance-Künstler Kelly Copper und Pavol Liska, die unter dem Namen Nature Theater of Oklahoma – eine Anspielung auf Franz Kafkas Roman Der Verschollene – avantgardistische Konzepte realisieren, die oft im öffentlichen Raum angesiedelt sind. Im Auftrag des steirischen herbstes entwickelten sie 2017 eine szenische Idee für den Roman Die Kinder der Toten von Elfriede Jelinek aus dem Jahr 1995. Das Stück, das mit Hunderten Laiendarstellern inszeniert wurde, spielt am Originalschauplatz des Buches, in Neuberg in der Obersteiermark. Von vornherein war geplant, dass die Performance auf Super-8-Film dokumentiert und zu einem Film für das Kino ausgearbeitet werden sollte. "Elfriede Jelinek hat diesem Projekt schnell zugestimmt und es dann wohlwollend begleitet", sagt Claus Philipp, der ehemalige Leiter des Wiener Stadtkinos, der bei der Produktion als Dramaturg, künstlerischer Berater und Troubleshooter fungierte. "Sie war der Meinung, dass Die Kinder der Toten ihr Opus magnum ist und von der Kritik unfair behandelt wurde. Es gab eine Menge inferiore Rezensionen, die mit dem Vorschlaghammer auf das Buch eindroschen. Dem wollte sie etwas entgegensetzen."

Zwischentitel statt Dialoge

Der Film, der auf Dialog verzichtet und mit Zwischentiteln arbeitet, versucht allerdings keine buchstäbliche Übersetzung des Romans ins Kinematografische zu sein – das wäre bei diesem dichten Sprachkunstwerk mit seinen zahlreichen Handlungssträngen und barocken Wortwucherungen gar nicht möglich. "Das Buch ist mehr eine Enzyklopädie als eine geradlinige Erzählung, die direkt auf die Leinwand gebracht werden könnte", sagen die beiden Regisseure. Dazu kam, dass sie den Roman gar nicht lesen konnten, weil es keine englische Übersetzung gibt, und sie sich den Inhalt erzählen lassen mussten.

Deshalb bemühen sich Kelly Copper und Pavol Liska um eine atmosphärische Anverwandlung der zentralen Themen des Buches. Es geht um die ewige Wiederkehr der verdrängten NS-Schuld in Form eines alltäglichen Rassismus und Antisemitismus. Und um einen schmerzhaften Mutter-Tochter-Konflikt, in dem der Figur Karin Frenzel, einer Art Jelinek-Stellvertreterin im roten Adidas-Anorak, eine zentrale Rolle zukommt. All dies im Gewand eines räudigen B-Movies mit strategisch platzierten Anschlussfehlern, die mit den Avantgardetechniken des experimentellen Kinos der Sechzigerjahre abwechseln.

In Die Kinder der Toten kehrt die Geschichte als Farce zurück, welche die Gestalt eines bizarr übersteuerten Orgien-Mysterien-Theaters annimmt. Gerade gerade in den Zeiten eines gesellschaftlichen Rechtsruckes erweist sich die groteske Kavalkade als besonders aktuell. Der Zufall habe es gefügt, erzählt Claus Philipp, dass der Dreh zur großen Zombieparade in Neuberg vor der Nationalratswahl 2017 stattfand. Schon zuvor hatten die Filmemacher Plakate mit Jelinek-Zitaten affichiert: "Und plötzlich hingen da Strache-Plakate neben dem Satz: ›Uns gehen die Namen für unsere Opfer aus.‹ Oder, noch besser: ›Unser Geschmack heißt Österreich.‹"

Der Film "Die Kinder der Toten" läuft seit dem 5. April in österreichischen Kinos. Ein Start für Deutschland ist bislang nicht geplant.