Aus Noten wird Musik, zuerst im Kopf des Dirigenten. © Eva Revolver/​Sepia für DIE ZEIT

Ich bin seit 23 Jahren Dirigent. Das Schönste in meinem Beruf ist dieser Moment, wenn ich auf der Bühne stehe und wir die 7. Sinfonie von Bruckner spielen und gemeinsam aus der Realität treten. Wir sind dann eins mit der Musik. Aber bis dahin ist es ein langer Weg.

Meine Arbeit beginnt, wenn ich eine Partitur das erste Mal lese. Ich komme mir dann vor wie ein Detektiv. Ich gehe Takt für Takt voran und versuche herauszufinden, wie der Komponist gedacht hat. Ich sehe die Noten, und in meinem Kopf erklingt die Musik. Später setze ich mich ans Klavier. Meistens ist das ein Prozess von mehreren Monaten. Erst wenn ich glaube, alles verstanden zu haben, trete ich vors Orchester. Das merkt sonst sofort, wenn du etwas nicht draufhast.

Oft haben wir nur eine Woche, um uns vorzubereiten. Weil ich stets an verschiedenen Häusern gastiere, kenne ich die Orchester meist nicht. Zuerst stelle ich mich vor, kurz. Orchester mögen es nicht, wenn man lange redet, die wollen spielen. Ich stehe ganz vorn. Direkt vor mir sitzen die Streicher, dahinter die Holzbläser, Oboe, Fagott, Flöte. Hinten links sind meist die Hörner. Hinten rechts die Blechbläser, die Trompeten und die Tuba. 60 bis 80 Leute, von denen ich jeden erreichen muss. Aber jeder ist anders.

Hörner sind meist sehr sensibel, die darf man nicht zu lange angucken. Die Posaunen sind tendenziell zu laut. Die Flöten denken sehr solistisch. Die Bratschen halten sich manchmal gern zurück, die muss man ermuntern. Ich muss sie alle umarmen. Dabei mögen Orchester keine blumigen Anweisungen. Die wollen wissen, soll ich lauter oder leiser spielen? Letztlich ist das Orchester ein menschliches Instrument, auf dem oder besser mit dem der Dirigent spielt.

Wenn das Konzert beginnt, trage ich einen Frack. Den Taktstock halte ich in der rechten Hand, damit gebe ich auch Einsätze und das Tempo vor. Mit der linken Hand forme ich die Musik, sage dem Orchester, ob es laut oder leise spielen soll. Kommt jemand mal zwei Takte zu spät, mache ich mit der linken ein Stopp-Zeichen. Es kann aber auch vorkommen, dass ich einen Einsatz verpasse, dann lege ich meine Hand aufs Herz und entschuldige mich.

Ob es so klingt, wie ich es mir beim Lesen der Partitur vorgestellt habe, ist nicht wichtig. Entscheidend ist, dass wir im Moment sind. Dann ist es, als wenn der Klang der Welt schon im ersten Tremolo von Bruckners 7. Sinfonie entsteht. Am Ende bin ich schweißgebadet. Und dann kommt der Applaus.

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