Begrenzte Kräfte

Ein Satz aus dem Artikel gefällt mir besonders: Frauen "sind nicht bereit, dem Beruf alles unterzuordnen". Als ich in den Neunzigerjahren an der FU Berlin studiert habe, diskutierten wir viel über das Gender-Thema. Darüber, dass Frauen ab einer bestimmten Hierarchie an eine "gläserne Decke" stoßen. Inzwischen haben wir immerhin seit einigen Jahren eine kinderlose Kanzlerin, eine siebenfache Mutter als Verteidigungsministerin und eine Justizministerin, die ihre Kinder im Wechselmodell erzogen hat. Dennoch zeigt der Artikel sehr prägnant die immer noch bestehende Ungleichverteilung auf: je höher die Hierarchie, desto männlicher die Besetzung.

"Meine Jobauswahl ist geprägt von den Fragen, wie viel Zeit für die Kinder und letztendlich für meine eigene Freizeit bleibt, was und wie viel ich unterordnen möchte."
Wiebke Wagner, 45

Mein erstes Kind habe ich im Studium bekommen, das dritte im Alter von Anfang vierzig. Seitdem ist meine Jobauswahl geprägt von den Fragen, wie viel Zeit für die Kinder und letztendlich für meine eigene Freizeit bleibt, was und wie viel ich unterordnen möchte. Die Phasen, in denen ich zusätzlich zur Selbstständigkeit eine Teilzeitstelle innehatte, waren die anstrengendsten Zeiten meines Lebens. Vollzeit zu arbeiten bedeutet im Berliner Raum, eine Stunde Wegzeit für die Anfahrten einzuplanen. Die Kinder müssen dann täglich zehn Stunden in der Kita betreut werden. Wenn man nach Hause kommt, hat noch niemand eingekauft. Es sei denn, man hat einen Vater für die Kinder, der auch nur Teilzeit arbeitet. Meine Freundinnen, die mit Teilzeit-Männern verheiratet sind, haben dies jedoch eher akzeptiert als selbst gewählt.

Männer in Elternzeit

Die im Artikel geschilderten Beispiele zeigen eine Arbeitswelt, die nicht zur heutigen Zeit passt. Insgesamt fand ich die Darstellung gelungen, auch wenn mir positive Beispiele zur Abgrenzung gefehlt haben.

In meinem beruflichen Umfeld ist es nach wie vor die Ausnahme, dass die Väter länger in Elternzeit gehen. Daher habe ich mir auch viele Gedanken gemacht, ob eine längere Elternzeit meiner beruflichen Laufbahn und Beförderungsmöglichkeiten schaden könnte. Schließlich habe ich mich für eine "nur" dreimonatigen Elternzeit entschieden, obwohl ich mir auch eine längere Pause vorstellen könnte. Meine Frau promoviert und ist in einem befristeten Arbeitsverhältnis an der Universität. Bei ihr war die Organisation der Elternzeit ein geringeres Problem; auch weil bei der Mutter von vornherein davon ausgegangen wird, dass sie eine längere Pause einlegt. Sie nimmt daher für ein Jahr Elternzeit und wird währenddessen versuchen, an ihren Forschungsthemen dranzubleiben. Noch dazu wurde ihr Vertrag um die Dauer der Elternzeit verlängert.

Die Frage ist, ob Männer zu wenig Elternzeit nehmen, weil Arbeitswelt und Gesellschaft diese Rolle bei der Frau sehen, oder ob Arbeitswelt und Gesellschaft diese Rolle bei der Frau sehen, weil Männer zu wenig Elternzeit nehmen. Ich bin mir sicher, dass durch anstehende Generationenwechsel viel Bewegung in diese Fragen kommen wird, und freue mich darüber.

Eine Frage des Berufs

Ich habe während meiner Berufstätigkeit nie Diskriminierungen bei mir selbst oder anderen erfahren, und das, obwohl ich zum Beispiel meine handwerkliche Ausbildung unter lauter Männern absolviert habe. Auch meine Mutter, alleinerziehend, Doppelstudium, Promotion, jetzt selbstständig, hat nie eine Benachteiligung erlebt, sondern im Gegenteil viel Förderung erhalten.

"Manchmal kann eine vermeintliche Diskriminierung aufgrund des Geschlechts auch einfach mit mangelnder Eignung zu tun haben."
Anuschka Eberhardt, 41

Die beschriebenen Beispiele sind sicherlich traurige Realität, aber prinzipiell denke ich, dass die Zahl von 25 Prozent diskriminierter Arbeitnehmerinnen hinterfragt werden könnte. Manchmal kann eine vermeintliche Diskriminierung aufgrund des Geschlechts auch einfach mit mangelnder Eignung zu tun haben. Damit will ich das thematisierte Problem allerdings keinesfalls bagatellisieren.

Wie im Beitrag am Beispiel der Ingenieurin anklingt, ist es oft auch die Berufswahl, die den Aufstieg hemmen mag. Wer eine gefragte Qualifikation hat, sitzt am längeren Hebel. Dennoch entscheiden sich viele Frauen für eher schlechter bezahlte oder überlaufene Berufswege, wie zum Beispiel Sozialpädagogik. Diese Entscheidung steht auch jedem und jeder frei.

Kürzlich bekam ich für einen anderen Teilzeitjob eine Absage, da ich aufgrund der Kinder nur vormittags arbeiten kann. Die Entscheidung des Chefs konnte ich vollkommen nachvollziehen – allerdings sucht er bis heute.

Selbst schuld, denke ich mir da.

Das falsche Ideal

Als Arbeitnehmer habe ich viele Fälle erlebt, wo Mitarbeiterinnen benachteiligt wurden, besonders im Fall der Schwangerschaft. Ich habe aber genauso erlebt, dass vor einigen Jahren der Gründer eines Start-ups in Elternzeit gehen wollte und dann sowohl von den Investoren als auch von seinen Mitgründern rausgedrängt wurde. Offiziell lag es natürlich an anderen Gründen, aber im Endeffekt wurde ihm mangelnder Einsatz unterstellt. "Du kannst doch kein Unternehmen gründen und eine aktive Vaterrolle einnehmen." Ich denke, das ist auch bei Müttern ein häufiger Vorwurf: Sobald es Kinder gibt, ist die Arbeit nicht automatisch Nummer eins.

"Dieses Ideal eines meist leitenden Angestellten, der immer 150 Prozent geben muss, ist für mich auf jeden Fall Teil des Problems."
Luis Hanemann, 35

Dieses Ideal eines meist leitenden Angestellten, der immer 150 Prozent geben muss, ist für mich auf jeden Fall Teil des Problems. Ich finde die genannten Beispiele, die auch den Rechtsweg gehen, sehr mutig, kann aber auch aus Erfahrung sagen, dass danach meist keine gute Zusammenarbeit mehr möglich ist. Was ich mir noch gewünscht hätte, wären ein paar mehr Expertenmeinungen. Ich habe vor Kurzem auf einer Veranstaltung von Aufsichtsrätinnen gesprochen und war sehr positiv überrascht, wie viel die Wissenschaft auf dem Feld schon weiß. Erstaunt war ich darüber, wie wenig davon im Mainstream ankommt.