Thea Dorn hat recht. Es wäre furchtbar, wenn Komplimente über Dekolletés und Witze über das dritte Geschlecht verboten wären; wenn die Frage, woher man komme, auf dem Index stünde; wenn wir als Journalisten eine Abmahnung bekämen, weil wir in diesem Artikel kein Gendersternchen verwenden. Das wäre die Entwicklung zu einer totalitären Gesellschaft. Nur: Es gibt diese Verbote nicht. In ihrem Artikel "Abrüsten, Avantgarde!" benutzt Thea Dorn einen der üblichen Taschenspielertricks, die bei Konservativen beliebt sind. Wo Kritik geäußert wird, riechen sie Verbote und Regulierungswut. Deshalb landet die Diskussion am Ende oft bei: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!"

Klar darf man Komplimente über Dekolletés und Witze über das dritte Geschlecht machen. Allerdings nehmen im Jahr 2019 auch andere am Diskurs teil. Angehörige von echten und unechten Minderheiten (also Frauen), die heute, nach "langen, zähen, bisweilen äußerst verletzenden Emanzipationskämpfen", wie Dorn richtig beobachtet, darauf bestehen, gehört zu werden. Hatten es jene Migranten, die heute in Rente sind, noch ertragen, in gebrochenem Deutsch geduzt und als "Kanaken" oder "Polacken" angesprochen zu werden, nehmen ihre Kinder und Enkel das nicht mehr schweigend hin. Sie sind ja auch wehrhafter als ihre Eltern und Großeltern, sie wissen um ihre Macht als Wähler und Konsumenten. Sie fordern jene heraus, die ganz selbstverständlich auch heute noch die Schlüsselpositionen in Politik, Wirtschaft und Medien besetzen (so schnell ändert sich daran auch nichts, also keine Panik, Herrschaften). Was bei Dorn als Verbot und Vorschrift deklariert wird ("Glauben diejenigen, die die Auch-Konservativen weiter liberalisieren wollen, wirklich, sie erreichten dies, indem sie ihnen das Gendersternchen vorschreiben? Indem sie ihnen verbieten, Dekolleté-Komplimente zu machen?"), ist nichts anderes als der Widerspruch in einem gesellschaftlichen Diskurs über die Frage: Wie viel Anderssein ertragen wir?, ob von Feministinnen, Migranten, Muslimen, Homosexuellen, Queer-Menschen, Veganern oder Klimaschützern vorgetragen. Wir leben in einer Zeit, in der all diese Interessengruppen Teil der Debatte sind. Man kennt das: Lästern geht am einfachsten, wenn die Betroffenen nicht dabei sind. Diese Zeiten sind tatsächlich vorbei.

Thea Dorns Hauptargument hat denn auch mit Zeit, besser gesagt: mit Geschwindigkeit zu tun. Alle zusammen hätten sehr viel Emanzipation für sehr viele unterschiedliche Gruppen in sehr kurzer Zeit erreicht, meint Dorn. Nun müsse es erst einmal darum gehen, dass jene "Emanzipationsgewinner" und ihre liberalen Unterstützer den anderen etwas Zeit geben, die Veränderungen zu verdauen. Nur so könne der Erhalt der offenen Gesellschaft garantiert werden. Wenn Dorn schreibt, man müsse den Menschen mit traditionellen Werten nun Zeit geben: Wie lange wäre denn angemessen? Und wer sollte darüber bestimmen? Auch die Frage nach dem Sinn einer solchen Emanzipationspause lässt Dorn unbeantwortet. Geht es darum, dass die Mehrheitsgesellschaft nicht mit den Ansprüchen von Minderheiten überfordert wird? Nun, es gibt kein Grundrecht darauf, keine Veränderung oder Überforderung im Leben zu erfahren. Konservative Muslime, denen seit Jahren immer wieder – zu Recht – vorgehalten wird, allzu fest an ihren gestrigen Vorstellungen etwa über die Gleichstellung von Mann und Frau oder Homosexuelle festzuhalten, kennen das Gefühl sehr gut. Gehören sie eigentlich auch zu denjenigen, denen man nun ein Päuschen gönnen möchte?

Oder geht es darum, dass nun die anderen etwas bekommen, die beim Emanzipationsprozess leer ausgegangen sind? Das ist der zweite Taschenspielertrick, den Thea Dorn anwendet: Sie schildert gesellschaftliche Prozesse als Nullsummenspiel. Für sie sind Privilegien wie ein Strauß voller Blumen, die man an unterschiedliche Gruppen verteilt, bis keine Blume mehr da ist. Deshalb sollen die Leute Zeit bekommen, "sich mit den bisherigen Veränderungen zu arrangieren". Allein, für einen heterosexuellen Peter aus Pinneberg verändert sich nicht wirklich etwas dadurch, dass die Ehe für Homosexuelle oder Toiletten für das dritte Geschlecht eingeführt wurden, außer dass "seine Ordnungsvorstellungen erschüttert" werden. Peter kann den Ärger über diese Erschütterung in den Diskurs einbringen. Niemand spricht ihm das Recht ab, sein Leben weiter so zu führen wie gehabt. Und keine Minderheit trägt die Schuld daran, wenn Peter aus Pinneberg verbittert auf dieses Leben schaut, weil er hart gearbeitet hat und die Rente dennoch nicht reicht. Peter profitiert, anders als Dorn annimmt, auch von der Emanzipation: Er nimmt teil am gesellschaftlichen Frieden, den sie befördert.

Die Forderung nach einer Verschnaufpause von der Emanzipation geht einher mit der Annahme, dass gesellschaftlicher Entwicklung eine Finalität innewohnt: Irgendwann ist die Endhaltestelle erreicht, und alle steigen zufrieden aus – aber bis dahin, liebe Leute, machen wir halt und fahren später einfach genau von der Stelle aus weiter, an der wir unsere Pause eingelegt haben. Doch emanzipatorische Errungenschaften haben keine Ewigkeitsgarantie. Donald Trump kann sagen, dass er Frauen zwischen die Beine fassen kann, er kann Mexikaner und Schwarze beleidigen und wird trotzdem Präsident. Wladimir Putin kann einen Politiker dafür loben, zehn Frauen vergewaltigt zu haben – das lässt ihn umso männlicher erscheinen. In Polen und Ungarn verschieben sich die Diskursgrenzen nach rechts, in Deutschland ebenso. Hier sitzt mit der AfD eine Partei im Bundestag, deren Fraktionsvorsitzender den Konsens über die deutsche Vergangenheitsbewältigung infrage stellt und die Zeit des Nationalsozialismus als Vogelschiss in der Geschichte bezeichnet. Derselbe Alexander Gauland will eine deutsche Ministerin "in Anatolien entsorgen". Seine Parteikollegen äußern sich offen rassistisch und verlassen den Plenarsaal des Bayerischen Landtags, wenn die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, spricht.

Emanzipation ist erschreckend leicht abzuwickeln. Wenn Frauen, Migranten, Juden, Homosexuelle nicht bereit sind, sich mit dem Bestehenden zufriedenzugeben, dann auch deshalb, weil sie diese Gefahr kennen – anders als viele Vertreter der Mehrheitsgesellschaft. Ihr Leben (zumindest halbwegs) nach ihren eigenen Vorstellungen leben zu dürfen ist eine historische Ausnahmeerfahrung.

Sicher, es gibt auch die Hyperliberalen. Es gibt schrille, bisweilen hysterische Vorwürfe, es gibt inquisitorische Beiträge. Aber bislang hat noch jede gesellschaftliche Bewegung ihre Extreme gehabt. Auch unter Feministinnen fanden sich solche, die meinten, Frauen sollten nicht mit dem Feind schlafen. Trotzdem ist die Zahl der lesbischen Beziehungen deswegen nicht sprunghaft gestiegen. Wer die Übersichtlichkeit von Diskursen gewohnt war, mag das verständlicherweise alles sehr anstrengend finden. Aber vielleicht ist es einfach so, dass Tolerieren ohne Pause nun einmal der Preis für die Macht ist. Und das ist kein sehr hoher.

Vielleicht meint ja Thea Dorn etwas anderes: Eine Gereiztheit und Hypernervosität greift allenthalben um sich. Nichts wird sich verziehen und jeder Satz in seiner miesesten Auslegung verstanden. Viele Debatten jedoch spielen sich bei Twitter oder Facebook ab – in sozialen Medien also, die von der Empörung leben. Hastig hingetippte Tweets sind natürlich schneller verfasst als reflektierte Bücher, wie sie auch Thea Dorn zu schreiben vermag. Ihr Werk Die F-Klasse wurde übrigens im Klappentext so angepriesen: "Gut ausgebildet und zur Selbstständigkeit erzogen, halten Frauen zwar heute den Geschlechterkampf für beendet, doch wer klar sieht, stellt fest: Der Erfolg der Emanzipation ist ein Märchen, solange Frauen siebzig Prozent der Niedrigverdiener ausmachen und der Großteil der Akademikerinnen als Versorgerin von Mann und Kind im schwarzen Loch des Eigenheims verschwindet." Das Buch erschien vor dreizehn Jahren. Haben die ernsthaft gereicht, dass Thea Dorn denen eine Pause gönnen will, denen es zu schnell geht mit der Emanzipation?

Ja, es wurde viel erreicht in den vergangenen Jahrzehnten. Aber vieles davon muss in diesen Tagen verteidigt werden. Es ist keine zwei Wochen her, dass ein junger Mann eine Moschee im neuseeländischen Christchurch betrat und 50 betende Muslime erschoss. Die Erinnerungen an die Morde des NSU oder von Anders Breivik in Norwegen sind sehr vielen Menschen noch sehr lebendig und, ja, natürlich auch die an jene islamistischen Attentäter, die auf dem Breitscheidplatz in Berlin 2016 oder bei den Attentaten 2015 in Paris Dutzende Menschen umbrachten. "Toleranz ist die zentrale Tugend, ohne die keine Gesellschaft als freiheitlich-offen bestehen kann", schreibt Thea Dorn richtig. Aber oft genug ist sie auch die zentrale Tugend, die über Leben und Tod entscheidet. Manche haben halt nicht so viel Zeit wie andere.