Die Welle bricht sich gewaltig, das blaugrüne Wasser färbt sich weiß, es schäumt. Im Hintergrund des Bildes dräut eine dunkelrote Wolke über dem stürmischen Meer. Dieser von Emil Nolde gemalte Brecher hängt heute an einem besonderen Ort: in Angela Merkels Büro im Bundeskanzleramt. Merkel hat das Bild selbst ausgewählt, als Leihgabe der Staatlichen Museen zu Berlin. Nolde ist der Künstler, mit dem sich die Kanzlerin ausländischen Staatsgästen präsentiert.

Nun eröffnen die Leihgeber an diesem Wochenende im Museum Hamburger Bahnhof eine Ausstellung zu Emil Nolde, die schon jetzt eine so große Welle macht, dass deren Ausläufer bis ins Amtszimmer von Merkel schwappen. Jahrelang haben die Kunsthistorikerin Aya Soika und der Historiker Bernhard Fulda zu Emil Nolde im Nationalsozialismus geforscht und dekonstruieren nun aufs Sorgfältigste die "deutsche Legende" des Malers, der von vielen bis heute als widerständiger Künstler gefeiert wird.

In seiner später geschönten Autobiografie stilisierte sich Nolde als nur anfänglich von den Nazis verführter, dann aber unangepasster Geist. Diese Vorstellung eines mit "Malverbot" von den Nazis verfolgten Künstlers wurde später von Siegfried Lenz durch den Roman Deutschstunde weiter popularisiert.

Schon in den vergangenen Jahren war der lange verborgen gehaltene Antisemitismus Noldes bekannt geworden (ZEIT Nr. 42/13). Die Ausstellung findet noch weitere Beispiele für seine glühende Verehrung für Hitler, sie erzählt von Noldes Hass auf die angeblichen Machenschaften jüdischer Galeristen und seiner Enttäuschung darüber, dass sich innerhalb des NS-Regimes die Anhänger seiner Kunst letztlich nicht durchsetzen konnten.

Möglich ist diese Entlarvung, weil die Nolde Stiftung Seebüll unter ihrem neuen Leiter Christian Ring endlich die Archive öffnete und an der Aufarbeitung mitwirkte. Dass Nolde einen Sonderfall darstellt, wird noch deutlicher durch eine Ausstellung, die am 14. April im Berliner Brücke-Museum eröffnet wird und nach der Rolle der Künstler der Brücke im Nationalsozialismus fragt, von denen fast alle weniger regimetreu auftraten.

Die zusammengetragenen Belege für den Judenhass Noldes und seine Glorifizierung von deutschem Blut und Boden bis zum Kriegsende sind so erdrückend, dass sich auch die Frage stellt, wie unschuldig die Naturaquarelle und Landschaftsgemälde sein können, die Nolde im Faschismus schuf. Noch 1940 war Nolde sehr erfolgreich auf dem Kunstmarkt im Deutschen Reich, vor allem auch Nazi-Industrielle kauften seine Bilder.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk bezweifelte jetzt Felix Krämer, der Generaldirektor des Düsseldorfer Museums Kunstpalast, im Hinblick auf die Berliner Ausstellung, dass Nolde-Gemälde in Merkels Amtszimmer hängen bleiben dürfen: "Man muss sich schon fragen, ob das der Künstler ist, der die Bundesrepublik im Jahr 2019 repräsentiert."

Sollten jetzt also alle Nolde-Gemälde aus den Museen geräumt werden? Darf man die Bilder dieses Antisemiten noch zeigen und auf Kalenderblätter drucken? Man darf, auch Felix Krämer würde eine Säuberungsaktion in Museen ablehnen.

Doch ob sich die Kanzlerin mit Nolde schmücken muss? Viele Deutsche glaubten jahrzehntelang, sich mit den Wellen, Bergen und Burgen des norddeutschen Expressionisten auch eine Form des Widerstands an die Wand zu hängen. Ohne diesen Mythos wären vor allem viele von Noldes immer gleichen Blumenaquarellen längst als das abgetan worden, was sie sind: langweiliger Dekor. Nun gewinnen sie durch die in all ihren gemeinen Details aufgedeckte Geschichte des Künstlers eine neue, latent böse Ambivalenz. Sollte die Kanzlerin an dieser Ambivalenz Gefallen finden, kann sie sie gerne in ihrer Amtsstube präsentieren. Falls nicht, darf das Bild gerne zu seinem Leihgeber zurückkehren: ins Museum.