© Petra Bahr

Es piept und pfeift und singt. "Ruhe", brummt ein schläfriger Gedanke. Doch das Pfeifkonzert hält sich an keine Anweisung. Was Vögel für einen Krach machen können, morgens um fünf, mitten in der Stadt. Wachgesungen liege ich mit geschlossenen Augen im Chorsaal, verfolge die einzelnen Stimmen, wie sie den Ton der anderen aufnehmen, rufen, antworten. Wundersame Melodien, rhythmisches Gurren. Ein Frühlingsmorgen. Den Lärm verzeihe ich schnell, weil dieser unnachahmliche Geruch von draußen meine Nase streichelt. Vor dem Fenster blüht es; aus wunderlichen Gewächsen, deren Namen ich mir nie gemerkt habe, wachsen grelle Blüten und schicken das Parfüm des Neuanfangs in die Welt. Frühling wird es auch für die weniger botanisch begabten Menschen.

Plötzlich sind die Äste grün, die gestern noch kahl waren. Es ist, als hätte die Natur beschlossen, mit einem Ruck zum Leben zu erwachen, sich zu räkeln und neue Pläne zu schmieden. Alles könnte nun wieder anders sein. Wie sehr der Mensch Teil der Natur ist, selbst wenn es eine kultivierte, an den Rand zwischen zwei Asphaltlücken gedrängte Natur ist, daran erinnert der Frühling. Dass dieser Aufbruch nicht selbstverständlich ist, steht nicht nur in den Gedichten. Was wäre, wenn die Vögel nicht mehr sängen? Es steht längst in Rapporten und Artikeln, es ist Thema von Sondersendungen und von Podiumsdiskussionen. Die Insekten sterben, die Fische in den Meeren krepieren am Plastikmüll, die Artenvielfalt schrumpft. Der Zustand der Gletscher und die Zusammensetzung der Wälder an fernen Orten beeinflusst unser aller Leben, jetzt. Deshalb sind die neuerlichen Apokalypse-Erzählungen naheliegend, die forcierte Angst, die Prophetie vom baldigen Ende des Planeten. Wer mag kurz vor dem Weltuntergang kleinlich die Schulpflicht verteidigen? Mir kommt der Satz eines sehr alten, klugen Mannes in den Sinn. "Ich habe schon so viele Weltuntergänge kommen und gehen sehen. Wenn wir doch Liebe statt Angst hätten."

Könnte es sein, dass das Engagement für das Klima, eine andere Form des Konsums, der Landwirtschaft, neue Technologien, ein anderer Lebensstil, eine andere Politik im Weltmaßstab vielleicht mehr ansteckt, wenn sie von Liebe bestimmt ist statt von Furcht? Von Liebe zu den Meeren oder zum Wald in der Nachbarschaft und den Urwäldern auf anderen Kontinenten, der Liebe zum Fluss und den Wiesen vor der Stadt und den fernen Gebirgen, von der Liebe zu den Kindern und Kindeskindern? Wäre diese Liebe naiver als die Angstlust vor der Katastrophe, die einige aufrüttelt und andere lähmt? Ändert Furcht die Menschheit wirklich eher als eine neu zu entfachende Neigung zur verletzten Schönheit dieser Welt? Es wäre ein Experiment wert.