Der Schriftsteller Christoph Hein ist mit Vorwürfen konfrontiert, sein Buch "Gegenlauschangriff" enthalte zahlreiche faktische Fehler. In der vergangenen Woche versuchte er in einem ZEIT-Interview eine Klärung – und legte offen, welchen Journalisten er in seinem Buch als jenen "Schurken" bezeichnet, der ihn in den späten Neunzigerjahren mit einer Anspielung auf Stasiakten empörte: Es handele sich um den ehemaligen "Spiegel"-Redakteur Volker Hage. Dieser reagiert nun hier mit einem offenen Brief.

Nun soll also ich der "Schurke" sein, jener Spiegel- Redakteur, von dem Sie in Ihrem Buch Gegenlauschangriff behaupten, er habe Ihnen gegenüber gleich zu Beginn eines Interviews gesagt: "Herr Hein, wir haben leider nichts gegen Sie in der Hand." Damals soll ich enttäuscht gewesen sein, in der Gauck-Behörde nichts Belastendes über Sie, gegen Sie gefunden zu haben. Das ist jedenfalls dem ZEIT-Interview zu entnehmen, das in der vergangenen Woche erschienen ist.

Wie heißt es doch in Ihrem Roman Horns Ende von 1985 so treffend? "Bevor etwas in unsere Erinnerung eingeht und festgehalten wird, wurde es eingreifend verändert." Soll ich weiter zitieren? "Es sind persönliche Erinnerungen, was nicht weniger sagen will, als daß all unser Erinnern kein Bild der Welt liefert." Ich habe mich oft gefragt, warum manche Schriftsteller in ihrem Schreiben so viel klüger sind als im realen Leben.

In dem ZEIT-Interview räumen Sie nun zwei Fehler ein: Das Spiegel-Gespräch, um das es geht, habe nicht 1993, sondern 1998 stattgefunden, und nicht mein Kollege Ulrich Schwarz, wie Sie zunächst behauptet hatten, sondern ich hätte diesen Satz gesagt, ob nun im Spaß oder nicht. Damit zaubern Sie eine neue Erinnerung aus dem Hut und wollen es plötzlich genau wissen. Daran stimmt nur, dass es 1993 kein Interview gegeben hat.

Ich sage es ungern, aber an der neuen Version stimmt wieder nichts. Es waren nicht drei Redakteure, die 1998 zu Ihnen kamen, sondern mein Kollege Martin Doerry und ich, dazu eine Fotografin, und wir haben nicht über mehrere Stunden ein Interview geführt, sondern knapp zwei. Die Bänder haben wir inzwischen noch einmal abgehört.

Ich war, wie Sie wissen, auch niemals "Korrespondent dieser Zeitschrift für Ostdeutschland", wie es in Ihrem Buch noch heißt. Und ich habe niemals in Stasiakten gewühlt, ich habe die Behörde nicht einmal betreten. Was ich heute fast bedauere, denn natürlich gehört es zu den Aufgaben des Journalismus, zu recherchieren und Informationen zu sammeln und zu publizieren, auch wenn Sie das offenbar anders sehen.

Es gehört kein besonders gutes Gedächtnis dazu, um einzusehen, dass 1998 kaum noch jemand auf die Idee gekommen wäre, weiterhin nach Spuren einer möglichen Stasimitarbeit von Ihnen zu suchen, die es ja niemals gegeben hat, weswegen auch niemand Einblick in eine sogenannte Täterakte nehmen konnte. Es mag um 1993 herum tatsächlich den einen oder anderen Journalisten gegeben haben, den es enttäuschte, dass bei Ihnen nichts zu holen war. Aber fünf Jahre später?

Ich jedenfalls habe nicht dazu gezählt. Es würde auch kaum zu unserer gemeinsamen Geschichte passen, die 1987 damit begann, dass in der ZEIT Ihre mutige Rede gegen die Zensur auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR abgedruckt wurde. Ebenfalls in der ZEIT habe ich im März 1990 höchst anerkennend zu Ihrer Essay-Sammlung Die fünfte Grundrechenart geschrieben, über den "fragilen Schwebezustand, auch die Euphorie dieser Wochen" in der aufbrechenden DDR lasse sich kaum irgendwo Genaueres und Facettenreicheres nachlesen.

Wir haben auch in den Jahren danach viel miteinander zu tun gehabt, es existiert eine Korrespondenz, und im Spiegel, wo ich von 1992 an Redakteur war, habe ich weiterhin über Ihre Bücher geschrieben. Und dann haben wir tatsächlich im Jahr 1998 jenes erste Spiegel- Gespräch geführt, von dem jetzt die Rede ist: Sie waren damals gerade Präsident des vereinigten deutschen PEN-Zentrums geworden. Wir sprachen aber auch über Ihr literarisches Werk, wie es sich bei einem Schriftsteller gehört.

Alle Spiegel-Gespräche werden, wie Sie wissen, aufgezeichnet und die Textfassung dem Betroffenen noch einmal zur Autorisierung vorgelegt. Unser Gespräch fand am 3. November 1998 in Ihrer damaligen Berliner Wohnung statt, gedruckt wurde es am 9. November. Wir beide sind in den Tagen dazwischen in bestem Einvernehmen telefonisch das Interview durchgegangen, ich habe alle Ihre Änderungen und Korrekturen sorgsam übertragen. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass Sie Ihre Äußerungen zur Entstehung Ihrer Novelle Der fremde Freund (Drachenblut) präzisierten. Für eine Verärgerung oder Enttäuschung Ihrerseits findet sich auf dem Band nicht das kleinste Anzeichen.

In Ihrem Buch Gegenlauschangriff heißt es, Sie hätten "diesen Journalisten", also mich, nie wiedergesehen. Wir haben nicht nur später, im Oktober 2003, ein längeres Telefoninterview (es ging um das Thema Zensur), sondern im August 2008 auch ein zweites Spiegel-Gespräch geführt, bei dem Ihr Sohn Jakob dabei war, wieder in Berlin, wieder mit Martin Doerry und mir.

Lieber Christoph Hein, vielleicht sollten wir das alles nicht ganz so ernst nehmen, es gibt wahrlich schlimmere Irrtümer. Aber einfach im Raum stehen lassen wollte ich es auch nicht.

Gleichwohl in alter Herzlichkeit

Ihr Volker Hage