Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Hier beschreibt sie ihre Kirche von innen – im Wechsel mit Erik Flügge. © Hannes Leitlein

Wollte ich lediglich die Predigt abschaffen, so erklärst du, lieber Erik, in deinem neuen Buch Nicht heulen, handeln gleich den ganzen evangelischen Gottesdienst für tot. Das fängt ja gut an. Fortan wird sich die protestantische Leserschaft nicht mehr über mich, sondern über dich echauffieren.

Als eine, die versucht, es besser zu machen, würde ich sagen: Der Gottesdienst kränkelt vielerorts – an belanglosen Predigten, Liturgien, die kaum noch jemand versteht, und Liedtexten aus dem 17. Jahrhundert, die heute nur noch wenige ernsthaft erbauen. Aber eine Krise ist längst kein Grund zum Aufgeben. Du unterschätzt in deiner Polemik das sprichwörtliche protestantische Pflichtgefühl. Wir können sehr lange weitermachen, auch wenn es gerade keinen Spaß macht.

Die protestantische Pastorentochter Angela Merkel (das sind die ganz besonders Pflichtbewussten!) ist seit 13 – nicht nur fröhlichen – Jahren Bundeskanzlerin und hat dabei demonstriert, dass man mit Geduld und harter Arbeit viel schaffen kann. Man gibt nicht einfach auf. Hier stehen wir, wir können nicht anders. Eine Reformation der hiesigen Gottesdienstlandschaft braucht Kreativität, Mut und Verbindlichkeit. Mir ist klar, dass du dafür keine Zeit hast. Theoretisch aber ist in einem evangelischen Gottesdienst schon jetzt sehr viel möglich, und einiges davon wird bereits in der Praxis erprobt. Die Gemeinden, die danach fragen, was die Menschen in ihrem Dorf oder Bezirk suchen, und darauf eingehen, blicken sonntags in vollere Kirchenschiffe.

Was wir sicher nicht brauchen, sind noch mehr Orgelkonzerte. Aber genau damit würdest du den evangelischen Gottesdienst am liebsten ersetzen. Johann Sebastian Bach in allen Ehren, aber ihrer Milieuverengung entkommt die evangelische Kirche nicht dadurch, dass sie sich vollends in einen Kulturverein verwandelt. 500 Jahre nach der Reformation dürften wir stattdessen ruhig wieder ein bisschen katholischer werden, finde ich. Als Kirche der vielen Wörter können wir von euch das Schweigen lernen. Die Mystik und Kontemplation. Den Sinn fürs Geheimnis. Eine Kirche, die sich der Frauenordination und der Ehe für alle öffnen konnte, kann sich – in evangelischer Freiheit – auch anderen spirituellen Traditionen öffnen.

Wir nennen das Demut. Auch so eine protestantische Tugend, deren Wert du, lieber Erik, zu verkennen scheinst. So wie Madonna sich zeitweise als Wiedergeburt der argentinischen Präsidentengattin Eva Perón sah, lässt du keine Gelegenheit aus, dich mit dem "Polemiker und Polterer" Martin Luther zu vergleichen. Ist das noch Chuzpe oder schon Überheblichkeit? Kein EKD-Ratsvorsitzender hat sich je mit Luther verglichen. Ich weiß, du wünschst dir mehr Kampfgeist, mehr Krawall. Dabei vergisst du jedoch, ähnlich wie die von dir kritisierten Organisatoren des Reformationsjubiläums, dass es neben dem streitbaren Luther noch eine Reihe sanfterer Reformatoren gab. Philipp Melanchthon oder Martin Bucer zum Beispiel. In ihrer Tradition steht die evangelische Kirche heute, wenn sie sich differenziert und reflektiert zu Wort meldet.

Einen Auszug aus Erik Flügges neuem Buch "Nicht heulen, sondern handeln" lesen Sie hier.