Genau 45 Minuten dauerte der sorgsam inszenierte Auftritt, dann beendete Martin Sellner seinen versuchten Befreiungsschlag im Wiener Türkenschanzpark: ARD, ZDF und Spiegel Online aus Deutschland, dazu oe24, ORF sowie Puls 4 waren dem Ruf des Anführers der rechtsextremen Identitären Bewegung Österreich (IBÖ) gefolgt. Er blickte in ein gutes Dutzend Kameras und Mikrofone, dazu auf die Stifte, die eilig in Notizblöcke kritzelten. So viel Aufmerksamkeit war selten.

Seit am 15. März ein rassistischer Terrorist im neuseeländischen Christchurch 50 Muslime ermordet hat, steht Sellners rechtsextreme Gruppierung im Rampenlicht. Zum einen hatte der Attentäter im vergangenen Jänner dem 30-jährigen "Posterboy der extremen Rechten" (New York Times) persönlich eine Spende in Höhe von 1500 Euro zukommen lassen – worauf die Staatsanwaltschaft Graz Sellners Wohnung stürmen ließ. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen des Verdachts der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung. Das ist der für Sellner einfachere, weil schwer zu erhärtende Vorwurf.

Nach allem, was man zum jetzigen Zeitpunkt wissen kann, dürfte der erhobene Vorwurf allein durch die Spende kaum zu belegen sein – und eine Auflösung der sogenannten Identitären Bewegung durch den österreichischen Staat ist juristisch wackelig. Auch ist immer noch vollkommen unklar, ob der Attentäter bei seiner Reise durch Österreich in Kontakt mit Sellner und seinen Leuten trat.

Zum anderen aber hat das Manifest des Attentäters eine deutliche ideologische Schnittmenge mit dem Denken Sellners und den Behauptungen, Begrifflichkeiten und Kampagnen seiner Bewegung. So referierte der Attentäter in seinem Schreiben eine Verschwörungstheorie namens "Der große Austausch" ausführlich, die so etwas wie das ideologische Glaubensbekenntnis der Identitären darstellt: Sie stammt von dem rassistischen französischen Schriftsteller Renaud Camus, wurde von dem Wiener Autor Martin Semlitsch übersetzt, der sowohl der IBÖ als auch nordeuropäischen Faschisten nahesteht. Das verschwörerische Pamphlet war Gegenstand der ersten großen Kampagnen, mit denen die Identitären 2014 an die Öffentlichkeit traten. Wie überhaupt die Symbole, Begriffe und Aktionsformen der IBÖ weitgehend vom 2003 in Frankreich gegründeten Bloc Identitaire übernommen wurden.

Fast eine Dreiviertelstunde bemühte sich der medienaffine Anführer der rechtsextremen Identitären Bewegung – die zahlenmäßig nie eine Bewegung war und kaum erklären konnte, was "identitär" anderes bedeuten sollte als "rassistisch und weiß" –, um der versammelten deutschsprachigen Presse seine Sicht auf das Attentat von Christchurch, die Rolle seiner Gruppierung und überhaupt der neueren Rechtsextremen zu erklären. Vor allem aber versuchte Sellner, sich und seine Bewegung als eigentliches Opfer des Rechtsterrorismus des Attentäters von Christchurch zu inszenieren – und nicht die ermordeten Muslime. "Die Staatsanwaltschaft hat mir die Bude einrennen lassen, um – davon bin ich überzeugt – mich und die Identitäre Bewegung in die Nähe des Anschlages zu rücken", erklärte er und nährte dazu den unbelegten und eher abwegigen Verdacht, der Attentäter habe ihm die 1500 Euro mit der Absicht überwiesen, ihn zu diskreditieren.

Was Sellner nicht erklärte: wo genau sich seine Sicht auf Migration, Integration und Pluralismus von der Haltung der Attentäters von Christchurch unterscheidet. Das dürfte nämlich so gut wie unmöglich sein. Denn tatsächlich teilen der Attentäter von Christchurch und Sellner dieselben rassistischen Verschwörungstheorien wie eben das Phantom vom "großen Austausch".