Neulich habe ich vier Altpapier-Bündel weggeworfen. Vergilbte Zeitungsartikel, Flugblätter, Notizen, Ausgedrucktes. Mein Archiv der kantonalen Wahlen, über die ich seit 2002 aus dem Tessin berichtet habe, als Korrespondent für das Schweizer Radio. In den Stapeln: Analysen über die Tessiner FDP, die sich lange selbst der größte Feind war. Kommentare über den Aufstieg der Lega dei Ticinesi, der von Wahl zu Wahl der Untergang prophezeit wurde und die dennoch immer wieder triumphierte. Geschichten aus einem Kanton, in dem die populistische Rechte unentwegt die Jobverlust-Ängste der Arbeiter befeuert und die Unternehmer unverfroren von Tieflöhnen profitieren. Ein Kanton, vor dessen Problemen man in Bundesbern jahrelang nichts wissen wollte – bis es zu spät war.

Eigentlich wäre das Tessin der helvetische Brückenkopf nach Italien, nach Europa. Die europäische Millionenmetropole, die Zürich, Bern und Basel am nächsten liegt, ist Mailand. Im Süden grenzt die Schweiz an einen der stärksten Wirtschaftsräume auf dem ganzen Kontinent.

Aber das Tessin will von der Lombardei, von Italien nichts wissen. Es steht mit dem Rücken zum Gotthard. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die Tessiner am nächsten Sonntag eine neue Regierung und ein neues Parlament wählen.

Die Deutschschweiz erlebt in Zürich, Luzern und im Baselbiet einen Linksruck. Mehr Grün, mehr Öffnung. Das Tessin dürfte stramm rechts bleiben. Zu tief greift die hausgemachte Misere.

Lange vor dem italienischen Movimento Cinque Stelle pflügte die Lega, diese Sammelbewegung aus Politik-Talenten und Unzufriedenen, die politische Landschaft mit ihrem kruden Mix aus linken und rechten Forderungen um. Und lange vor US-Präsident Donald Trump forderte die Lega eine Mauer an der Grenze zu Italien.

Beim Aufräumen finde ich in einer Schublade alte Gesprächsaufnahmen mit den beiden Historikern Matthias Kunz und Pietro Morandi. Wir sprachen über das Geschichtsbild im Tessin! Was sie mir vor zehn Jahren ins Mikrofon sagten, gilt bis heute. Wort für Wort.

Jahrzehntelang stimmte das Tessin zusammen mit der Westschweiz für eine stärkere Öffnung der Schweiz. Leitartikler forderten eine offene, aktive Außenpolitik; ganz im Gegensatz zu ihren Kollegen ennet des Gotthards. Europa, das war Italien, und Italien, das war Aufbruch.

Das Schimpfwort Tschingg wurde im Tessin als Beleidigung der innerschweizerischen italianità empfunden. In den 1970er-Jahren sah man in der parteiübergreifenden Abwehrschlacht gegen die Überfremdungsinitiativen auch einen Kampf für die italienische Landessprache. Das Tessin verwarf die Schwarzenbach-Vorlagen besonders wuchtig.

Was hilft gegen das verlumpte Italien? Eine Mauer, sagt die Lega dei Ticinesi

Das änderte sich Ende der 1980er-Jahre. Das Tessin näherte sich in außenpolitischen Fragen allmählich der restlichen Schweiz an. 1991 wurde die Lega dei Ticinesi gegründet. Diese lancierte jenes Thema, das Oscar Mazzoleni von der Uni Lausanne – der wohl spannendste Tessiner Politik-Beobachter – als Megathema bezeichnete und das den Kanton bis heute umtreibt: die Grenzen. Zur EU, zu Italien, zur Deutschschweiz. Und allen voran: die Grenzen zwischen Schweizern und Ausländern.

Kein Wunder, dass die Angstmache Anfang der 1990er-Jahre verfing. Die Zeiten waren unsicher und krisenhaft. Die Tessiner Täler entvölkerten sich, Traditionsbetriebe starben, und neue, exportorientierte Firmen entstanden, die der direkten Konkurrenz von Unternehmen in der Lombardei ausgesetzt sind.

Im Dezember 1992 sagte das Tessin Nein zum EWR-Beitritt. Später lehnte der Kanton die bilateralen Verträge mit der EU und die Personenfreizügigkeit ab. Die Masseneinwanderungsinitiative der SVP wurde nirgends so deutlich angenommen wie hier. Mit 68 Prozent. Parallel dazu gewann die Lega eine Wahl um die andere.

Europa, das ist für die Tessiner nach wie vor Italien. Aber Italien steht längst nicht mehr für Auf-, sondern für Abbruch. Glaubt man den Berichten im italienischen Fernsehen, dann versinkt der südliche Nachbar in Ausländerkriminalität, in Skandalen und Betrügereien und wird von der EU alleingelassen. Wie sagt die Lega? Da hilft nur noch eine Mauer. Falsch!

Stefano Franscini war der erste Tessiner im Bundesrat und ein weitsichtiger Staatsmann zugleich. Bereits 1827 sprach dieser Kämpfer gegen Kleingeisterei und Kirchturmpolitik von einer Schweiz der Regionen. Noch heute bildet das Tessin neben der Ostschweiz, Zürich, Zentralschweiz, Mittelland und der Région lémanique zumindest statistisch eine Großregion. Die Kantone sind geblieben, zugleich kooperieren sie immer stärker über ihre Grenzen hinweg.

Nur ein Kanton schert regelmäßig aus – das Tessin. Erst dieses Jahr ist es zum Beispiel der Standortmarketing-Plattform Greater Zurich Area beigetreten. Für den Geografen Martin Schuler von der Uni Lausanne ist das ein Problem: In der Deutsch- und Westschweiz planten die Kantone ihre Infrastrukturen immer häufiger gemeinsam, sie pflegten ihre grenzüberschreitenden Beziehungen, und es entstanden überkantonale Kulturräume. Ihnen gegenüber schwinde das relative Gewicht der italienischsprachigen Schweiz.