Vor etwas mehr als vier Wochen endete der sogenannte Missbrauchsgipfel in Rom mit einer Ansprache von Papst Franziskus. Das Medienecho war zum Teil verheerend. Manches in der Rede klang nach Relativierung der eigenen Schuld. Der Hinweis auf den Teufel schmeckte nach theologischer Ausrede. Mit der satanischen Macht des Bösen lassen sich jedenfalls weder die Täterprofile katholischer Priester noch die Regie des Vertuschens erfassen. Was aber ist katholisch am sexuellen Missbrauch? Gibt es überhaupt einen speziell katholischen Zug, der den kirchlichen Missbrauch von anderen Verbrechen – in sagen wir Sportvereinen – unterscheidet?

Der Papst selbst hat in seiner unglücklichen Rede einen Ansatzpunkt zur Beantwortung dieser Frage geliefert. Franziskus sprach von einer "grausamen religiösen Praxis", die es früher in einigen Kulturen gegeben habe. Er meinte "heidnische Rituale", also Menschenopfer. Menschenopfer aber sind sakralisierte Gewalt, Gewalt, die zu einem vermeintlich heiligen, höheren Zweck eingesetzt wird. Solche sakralisierte Gewalt begegnet uns auch im katholischen Missbrauch. Die Analyse sakralisierter Gewalt führt an die Grundlagen des Missbrauchs.

Diese Wurzeln sind eingelassen in jene Gefüge von Macht, in denen die Entscheidung über Leben und Tod an einem heiligen Kommando hängt – am Zugriff von religiösen Akteuren auf die Macht des Heiligen selbst, das sie kommunizieren und verbürgen. Im Glauben sind Menschen mit einer Macht konfrontiert, die größer ist als sie selbst: mit der unbegrenzten schöpferischen Lebensmacht Gottes. Sie kommt an den Grenzen des Lebens ins Spiel, dort wo Menschen die Ohnmacht ihrer Existenz als unabwendbares, tödliches Schicksal wahrnehmen. Solche Erfahrungen müssen sie verarbeiten. Sonst droht sich das psychosoziale Immunsystem des Menschen angesichts von persönlichen Schicksalsschlägen und gesellschaftlichen Katastrophen aufzulösen.

Religionen stellen Deutungen für solche Situationen bereit. Sie verstärken mit ihren sakralen Codes aber auch das Ohnmachtsbewusstsein des Menschen. Das Christentum spitzt das Wissen um die unaufhebbare Endlichkeit des Menschen zu. Denn im Menschen selbst begegnet uns Gott. Wenn Jesus von Nazareth am Kreuz hingerichtet wird, stirbt der unendlich verletzbare Mensch. Jesus kommt genau so eine einzigartige Bedeutung und Würde zu, weil sich die schöpferische Macht Gottes in seinem Leben wie in seinem Tod als unbegrenzt erweist.

Leben auf den Spuren Jesu macht dies erfahrbar. Die katholische Kirche setzt dafür eigene Zeichen. Sie geben Versprechen auf Leben ab, wo es sich im Zuge von Geburt und Krankheit, Schuld und Tod als zerbrechlich erweist. Sakramente deuten und orientieren menschliche Existenz von der unbegrenzten schöpferischen Lebensmacht Gottes her. Der katholische Priester spendet sie. Er vertritt, was sie vermitteln. Er repräsentiert ihre sakrale Macht.

Religiöse Sinnsysteme sind grundlegend machtförmig. Sie koordinieren das Macht-Ohnmacht-Gefälle des Lebens im Dauerrisiko des Todes. Auf diesem Weg nimmt religiöser Glauben die Form einer Sakralmacht an. Sie organisiert die Einstellungen, die man zur geglaubten Wirklichkeit einnimmt. Aber wem kommt Autorität bei der Auslegung religiöser Traditionen zu, in die Menschen jenes Vertrauen investieren, ohne das man nicht überleben kann? Institutions-Vertrauen ist entscheidend für ein stabiles Weltvertrauen. Deswegen belastet der Bankrott von Banken und ganzen Finanzsystemen nicht nur unsere Kontoführung. Deswegen erschüttern korrupte Politiker und steuerhinterziehende Funktionäre. Deswegen wirken Missbrauchstäter in der katholischen Kirche so desaströs. Sie sollen die befreiende Macht eines Glaubens verkörpern, der den ohnmächtigen Menschen gilt. Die Ohnmachtserfahrung des Missbrauchs, die sie verantworten, wiegt umso schlimmer.

Gerade hier zeigt sich: Vertrauensbasierter Glaube stellt eine Glaubensmacht dar. In wen man vertraut, der besitzt Macht. Deshalb haben Kleriker eine so große. Sie haben die Macht, Vertrauen zu bestätigen und damit Lebensoptionen zu vermehren. Dieses Vertrauen wird in seinem Missbrauch erschüttert. Das wirkt tödlich. Denn auf diesem Vertrauen baut der Glaube auf. Vertrauen ist reziprok angelegt: Der Gläubige darf von dem, dem er Glauben schenkt oder schuldet, etwas erwarten. Und umgekehrt kann der Kreditnehmer mit dem Kapital des Vertrauens arbeiten – es vermehren. Das religiöse und pastorale Kreditinstitut der Kirche verfügt dafür über eine unvergleichliche Ressource: ewiges Leben. Zugang dazu verspricht eine Macht, die allem, was tödlich ist, widersteht. Wer dem glaubt, der Institution wie ihren Repräsentanten, setzt sich im Vertrauen aus.