Die Frau, die an diesem Mittwochabend im März in einem kleinen Sitzungssaal des Bundestags eine revolutionäre Frage stellt, ist keine Aufrührerin. Sie ist ein Mitglied der CDU. "Trauen Sie sich zu, Jachten, Jets und Golfplätze zu besteuern?", fragt Eva Welskop-Deffaa. Ihr geht es bei ihrer Frage aber weniger um die Reichen im Land oder ihren Luxussport. Ihr geht es um die Armen.

Welskop-Deffaa ist im Vorstand der Caritas, einem katholischen Wohlfahrtsverband. In ihrem Alltag hat sie mit Essenstafeln zu tun, mit Kleiderspenden und unbezahlten Stromrechnungen. Sie treibt derzeit ein Thema um, das auch die Politik zunehmend beschäftigt: der Klimawandel und seine Kosten. Wer soll für eine konsequente Energiewende bezahlen? Wenn es nach Eva Welskop-Deffaa geht, auf keinen Fall die Armen. Aus ihrer Sicht müssen die Privilegierten stärker zur Kasse gebeten werden. Die fahren eher große Autos, leben in geräumigen Wohnungen und fliegen viel. Wie aber stehen diejenigen zu der Frage, die in Deutschland die Politik machen?

Zu der Abendveranstaltung, auf der Eva Welskop-Deffaa ihre Frage stellt, haben die Grünen eingeladen, die Partei, die sich den Klimaschutz auf die Fahne geschrieben hat. Sie wollen diskutieren, wie Umweltschutz und die soziale Frage zusammenhängen. Aber auch in den anderen Parteien wird neuerdings heftig diskutiert: Wann führt Klimaschutz zu Unruhen, weil die Sache den Leuten zu teuer wird? Wem darf was weggenommen werden? Wäre eine Steuer auf CO₂ sinnvoll? Und gibt es eine Umweltpolitik, die nicht wahlweise die ökobewegte Jugend, die Gewerkschaften, die Industrie oder sogar alle auf einmal enttäuscht? Wir haben uns umgehört bei denen, die sich derzeit damit beschäftigen, Politikern und Experten.

Umweltpolitik wird nicht funktionieren, wenn alles für alle teuer wird

"Super. Die Schüler von "Fridays for Future" sind vorhin an meinem Büro vorbeigelaufen", sagt Lukas Köhler und dass er früher wahrscheinlich dabei gewesen wäre. Köhler wurde für die FDP in den Bundestag gewählt, er ist mit 32 Jahren einer der jüngsten Abgeordneten, zuständig für Klimapolitik. Er freut sich, dass das Thema auf einmal Konjunktur hat, und anders als sein Parteichef Christian Lindner findet er nicht, dass die Jugendlichen das Thema den Experten überlassen sollten. Man müsse im Gegenteil mit ihnen streiten. Die seien, sagt Köhler, schnell ratlos, wenn man von Atomkraft rede oder von CO₂-Speichern: Technik, auch solche die unpopulär ist, hält Köhler für das beste Mittel der Umweltpolitik. Und einen reformierten Emissionshandel. Jedenfalls sei Umweltpolitik keine Frage von Arm oder Reich.

Ganz so sieht das FDP-Chef Christian Lindner nicht. Er fordert neuerdings einen "jährlichen Scheck zu Weihnachten vom Finanzamt" für alle Bürger, finanziert durch das Geld, das der Staat durch den Emissionshandel einnimmt, er nennt das im Tagesspiegel "Anti-Gelbwesten-Programm". Gelbweste – dieses Stichwort fällt vielen Politikern in Berlin derzeit sofort ein, wenn es um Umweltpolitik geht. Gemeint ist der Protest in Frankreich, der sich anfangs auch gegen höhere Benzinpreise richtete. Und wer in der Politik derzeit Gelbweste sagt, meint in den meist Fällen damit: Umweltschutz ist für die kleinen Leute eben doch zu teuer. In der AfD hofft man deswegen, dass aus Demonstratiönchen gegen Fahrverbote wie in Stuttgart Größeres werden könnte, eine deutsche Anti-Öko-Bewegung. Nur, stimmt es überhaupt, dass für mehr Umweltschutz automatisch die zahlen müssen, die ohnehin wenig haben?

In Frankreich hätte die von Präsident Emmanuel Macron geplante Steuer genau das bewirkt. Sie hätte den Diesel und damit das klimaschädliche CO₂ teurer gemacht, dafür gezahlt hätten vor allem die ärmeren Leute, die auf dem Land leben. Viele sind auf das Auto angewiesen, und sie geben einen größeren Anteil ihres Einkommens fürs Autofahren aus.

In Deutschland kritisiert der Verbraucherzentrale Bundesverband die hohen Strompreise aus ähnlichen Gründen – weil sie Arme überproportional belasten. Noch demonstrieren die hierzulande nicht dagegen, und noch findet eine große Mehrheit der Deutschen mehr Klimaschutz gut. Doch jüngst warnte das Potsdamer Institute for Advanced Sustainability Studies in seinem "sozialen Nachhaltigkeitsbarometer": Die Stimmung könne "brenzlig" werden, die Energiewende würde zunehmend als "teuer" empfunden. Dabei musste die den Härtetest noch nicht bestehen. Bisher hat die Bundesregierung die Klimagase nicht annähernd so reduziert, wie es nötig wäre.

Eine Erkenntnis setzt sich damit langsam durch: Umweltpolitik wird nicht funktionieren, wenn sie sich darauf beschränkt, in einer Gesellschaft, die Geld und Privilegien ungleich verteilt, einfach den Konsum aller von Staats wegen teurer zu machen. Denn dann haben die einen immer noch viel, für die anderen aber wird die Lage prekär. Wie aber kann sie dann funktionieren?