1. Nicht nur Dürer

"Das malt ich nach meiner gestalt / Ich was sechs und zwenzig jor alt", steht auf Dürers Selbstporträt von 1498. Und zwei Jahre später, auf dem berühmten Selbstbildnis im Pelzrock, betont er wiederum, diesmal in Latein, dass er sich selbst gemalt habe. Diese unübersehbaren Inschriften hatten neben der Altersangabe eine wichtige Funktion: Sie betonten die Lebensechtheit des Porträts. Das war damals nicht unüblich. Auf vielen Bildnissen wie auf Schaumünzen der Dürer-Zeit findet man die Formel: "Da ich het de gestalt / was ich 22 (oder 30 oder 67) jor alt".

2. Nicht sehr ähnlich

Der früheste Hinweis, dass etwas "nach dem Leben" gezeichnet wurde, stammt aus dem gotischen Skizzenbuch des Villard de Honnecourt (um 1230). Neben einem Löwen hat er "et sacies bien qu’il fu contrefais al vif" ("Und glaubt mir, er wurde nach dem Leben gezeichnet") vermerkt – obwohl man das angesichts des Bildes nicht recht glauben mag. Und Cennino Cennini ermahnte in seinem Buch von der Kunst (1390) junge Maler: "Bemerke, dass die vollkommenste Führerin, welche man haben kann, das beste Steuer, die Triumphpforte des Zeichnens das Studium der Natur ist." Seitdem gilt die Natur als Lehrmeisterin aller Künste.

3. Nicht aus dem Kopf

Deshalb haben in der Region nördlich der Alpen Künstler – etwa seit 1530 – immer wieder vermerkt, dass ihre Werke "nach dem Leben", "naer het leven", "au vif", "al vivo" gemalt oder gezeichnet worden seien. "Ad vivum", "ad vivum delineavit" oder "ad vivum mire depinxit" ("nach dem Leben wundervoll gemalt") heißt es entsprechend in literarischen Beschreibungen. Und seit Carel van Mander in seinem Schilder-Boeck wiederholt hervorhob, was naer het leven geschaffen wurde, hat sich dieser Begriff in den Künstlerbiografien und vor allem in der Kunstliteratur eingebürgert – als Gegenpol zu der Kunst uyt den gheest, also aus dem Kopf, aus der Imagination.

4. Nicht nur Bildnisse

Naer het leven beschränkt sich jedoch nicht nur auf Menschenbildnisse. Es gilt genauso für Landschaften oder Tiere und Pflanzen, besonders in den damals aufkommenden gedruckten Bestiarien und Florilegien. Und gelegentlich wird es sogar gebraucht, wenn die Vorlage einer Zeichnung ein Gemälde war. Das belegt in der Göttinger Universitätssammlung ein Blatt von Roelant Savery, das sich auf ein Gemälde von Pieter Brueghel d. Ä. bezieht.

5. Nicht mehr üblich?

In Skizzenbüchern hielten die Künstler "nach dem Leben" fest, was sie sahen, um dann daraus ihre Bilder zu komponieren. So fügte Caspar David Friedrich die Skizzen seiner Wanderungen im Atelier zu Gemälden "uyt den gheest" zusammen. Diese Lehr- und Aneignungsmethode ist für die zeitgenössische Kunst zwar nicht mehr charakteristisch, aber ausgestorben ist sie deswegen noch lange nicht.