DIE ZEIT: Frau Bergmann, was ist für Sie ein starker Mann?

Christine Bergmann: Ich habe Männer immer dann als stark und selbstbewusst empfunden, wenn sie in der Lage waren, auch Schwäche zu zeigen, Fehler eingestehen konnten und ihre Stärke nicht permanent demonstrierten. Aber natürlich sind die Geschmäcker, was Männer angeht, verschieden.

ZEIT: Sie waren von 1998 bis 2002 Familien- und Frauenministerin im ersten Kabinett Schröder. Sind Sie da vielen starken Männern begegnet?

Bergmann: Leider nicht. Starke Männer waren in meiner politisch aktiven Zeit generell Mangelware.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Bergmann: Das ist systembedingt: Wer in der Politik Karriere machen will, muss sich ständig gegen Mitbewerber durchsetzen. In einem stark kompetitiven Umfeld fällt es schwer, Selbstkritik zu äußern. Das gilt schnell als Schwäche, besonders unter Männern.

ZEIT:Gerhard Schröder bezeichnete Familienpolitik mal als "Gedöns".

Bergmann: Das war nicht sein stärkster Moment. Allerdings hat er die Äußerung später zurückgenommen und familienpolitische Fragen durchaus ernst genommen.

ZEIT: Hat Sie Schröders Macho-Gehabe nicht dennoch auf die Palme getrieben?

Bergmann: Zu beeindrucken bin ich nicht so schnell. Schließlich bin ich mit drei Brüdern aufgewachsen. Da bekommt man ein dickes Fell.

ZEIT: Schröder ist ein Alphatier von gestern. Ist der moderne politische Mann so viel anders?

Bergmann: Durchaus. So weiß er, dass respektloses Verhalten gegenüber Frauen nicht mehr toll gefunden wird und man über Familienpolitik mittlerweile nicht mehr abfällig sprechen darf. Dafür verantwortlich ist auch ein Mentalitätswandel: Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist zu einer der wichtigsten sozialen Fragen überhaupt geworden. Der moderne politische Mann weiß das, auch wenn es an der Umsetzung noch kräftig hapert. Die Veränderung von Geschlechterrollen braucht Zeit. Da erlebe ich Männer heute häufig als Suchende.

ZEIT: Aber selbst der neue Mann in der Politik löst den Anspruch auf Elternzeit nicht ein, dabei war das eine der wichtigsten Errungenschaften des Familienministeriums.

Bergmann: Das hat aber vor allem mit den Berufsanforderungen zu tun. Das politische Amt erfordert ständige persönliche Präsenz, wie in allen leitenden Funktionen. Und doch hat sich etwas verändert. Nehmen Sie Sigmar Gabriel: Im Jahr 2017 verzichtete Gabriel auf Kanzlerkandidatur und SPD-Parteivorsitz, weil er sich mehr um seine Tochter kümmern wollte.

ZEIT: Angeblich.

Bergmann: Ja, aber ein paar Jahre zuvor hätten das viele Männer und auch Frauen noch für schwach und unmännlich gehalten. Im Jahr 2017 dagegen gab es dafür Anerkennung.

ZEIT: Dass ein Mann das Familienministerium leitet, wie zuletzt Heiner Geißler vor mehr als 30 Jahren, finden viele nicht besonders naheliegend.

Bergmann: Die meisten Männer scheinen noch nicht begriffen zu haben, wie unterschiedlich die Geschlechterrollen und -erwartungen immer noch sind. Davon abgesehen ist ein Mann als Familienminister aber natürlich dennoch grundsätzlich möglich, wenn auch vielleicht nicht sehr wahrscheinlich.