Ig-Nobelpreis für öffentliche Gesundheit: Ein Spezial-BH, der sich im Notfall rasch in einen Mundschutz verwandeln lässt. © Adam Hunger/Reuters

ZEIT: Ist es schon einmal vorgekommen, dass ein Ig-Nobelpreisträger später einen echten Nobelpreis gewonnen hat?

Abrahams: Ein Mal. Wir haben im Jahr 2000 den Physiker Andre Geim ausgezeichnet. Zusammen mit seinem Kollegen Michael Berry hatte er einen lebendigen Frosch mithilfe von Magneten zum Schweben gebracht. Das ist ein altbekannter physikalischer Effekt, der ein wenig in Vergessenheit geraten war. Zehn Jahre später bekam Geim den Physik-Nobelpreis für eine ganz andere Sache.

ZEIT: Wofür denn?

Abrahams: Für Experimente an extrem dünnen Schichten von Graphen, nur ein Atom dick. Im Prinzip kennt das jedes Kind – man kritzelt mit einem Bleistift auf ein Blatt Papier, nimmt ein Stück Klebefilm und löst eine schwarze Schicht ab. Geim und sein Kollege Konstantin Novoselov haben herausgefunden, dass superdünne Graphenschichten ganz spezielle Eigenschaften haben. Chemiker hatten schon lange postuliert, dass es eine zweidimensionale Form von Kohlenstoff geben müsse, aber es hatte sie noch niemand herstellen können.

ZEIT: Am 12. April treten Sie im Berliner Tempodrom auf. Was kann das Publikum von Ihrer Show erwarten?

Abrahams: Ich werde von den Ig-Nobelpreisen erzählen und einige der ausgezeichneten Arbeiten vorstellen, vor allem die vom vergangenen Jahr. Ich zeige auch eine Menge Bilder. Als ich mit den Vorträgen anfing, vor fast 30 Jahren, habe ich sie noch ohne Bilder gehalten, und nachher kamen Leute zu mir und sagten, meine Witze seien sehr lustig gewesen. Und ich musste ihnen erklären, dass ich keine Witze erzähle. Wenn ich den Leuten die Bilder zeige, dann glauben sie eher, dass das tatsächlich stimmt.

ZEIT: Fällt das, was Sie tun, unter die Rubrik Wissenschafts-Comedy?

Abrahams: Das weiß ich nicht. Comedy ist ein weiter Begriff. Ich erzähle keine Witze. Die Show ist lustig, aber sie ist lustig, weil die Wissenschaft selbst lustig ist.

ZEIT: Sie müssen also nichts hinzufügen?

Abrahams: Nein, ich muss im Gegenteil Details wegnehmen, die eher verwirren. Ich muss die Experimente und Ergebnisse der Forscher auf eine sehr klare Beschreibung reduzieren, und das ist eine Menge Arbeit.

ZEIT: Sie bestreiten die Show aber nicht alleine.

Abrahams: In Berlin habe ich einen Gast, meinen alten Kollegen Mark Benecke. Er gehört wie ich zu den Herausgebern des satirischen Wissenschaftsmagazins Annals of Improbable Research. Ich habe ihn gebeten, ein paar Ig-Nobelpreise aufzugreifen, die in sein Metier fallen, die Forensik. Er hat eine sehr spezielle, trockene Art, die oft grausigen Details seiner Disziplin zu beschreiben. Zum Beispiel haben wir 2009 den Friedenspreis an ein Team von Schweizer Forschern vergeben, das die Frage untersucht hat, was gefährlicher ist: wenn man jemandem eine volle Bierflasche über den Kopf haut oder eine leere. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten.

ZEIT: Ich würde sagen: die volle, weil sie einen größeren Impuls hat.

Abrahams: Nach einer Reihe von Versuchen kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass beide Versionen extrem gefährlich sind. Man sollte niemandem eine Flasche über den Kopf schlagen. Aber es ist tatsächlich ein bisschen weniger gefährlich mit der vollen Flasche. Der Grund dafür ist, dass sie einen gewissen Innendruck hat und deshalb leichter zerbricht.

ZEIT: In den USA hat die Wissenschaft heute einen schweren Stand. Die Regierung dort ist geradezu antiwissenschaftlich eingestellt. Auch in Deutschland gibt es solche Tendenzen. Spielen Sie diesen Leuten nicht in die Hand, wenn Sie Ihre Späße mit der Wissenschaft treiben?

Abrahams: Im Gegenteil. Wir wollen, dass die Leute nachdenken. Das ist das Ziel der Ig-Nobelpreise, die Menschen sollen zuerst lachen und dann überlegen, warum sie lachen. Die Politiker, die bei uns in den Vereinigten Staaten an der Macht sind, wollen, dass die Leute Propaganda glauben. Wir wollen, dass die Menschen hinterfragen, was die Mächtigen sagen.